Finanzbildung

Praxishandbuch · Persönliche Finanzen

Ausgabe 2025 · Deutsch · Erweiterte Fassung

Das umfassende Praxishandbuch

Finanzbildung für
Privatpersonen

Budget, Börse, ETFs, Immobilien & Altersvorsorge –
einfach erklärt, direkt anwendbar

Finanzkompetenz ist eine der wichtigsten Lebenskompetenzen – und wird kaum in der Schule vermittelt. Dieses Handbuch schließt die Lücke: von der Haushaltskasse bis zur Immobilienrendite, von ETF-Risikoklassen bis zum interaktiven Risikoprofil-Test.

11Kapitel

50+Rechenbeispiele

30+Checklisten

0Produktwerbung

Schulungsunterlage · Praxishandbuch Finanzbildung

© 2025

Rechtlicher Hinweis & Nutzungsbedingungen

⚠ Keine Anlage- oder Finanzberatung

Dieses E-Book stellt ausdrücklich keine Anlageberatung, Vermögensberatung, Steuerberatung oder sonstige individuelle Finanzberatung im Sinne des KWG, WpHG oder anderer anwendbarer Rechtsvorschriften dar.

Alle Inhalte dienen ausschließlich der allgemeinen Finanzbildung. Alle Beispiele, Rechenmodelle und Strategiebeschreibungen sind illustrativ – keine konkrete Handlungsempfehlung für Ihre persönliche Situation.

Jede Anlageentscheidung trägt Risiken, einschließlich des vollständigen Kapitalverlusts. Vergangene Renditen sind kein verlässlicher Indikator für zukünftige Ergebnisse.

Haftungsausschluss: Autor und Verlag übernehmen keinerlei Haftung für finanzielle Verluste, die aus der Anwendung der Inhalte entstehen.

Empfehlung: Für individuelle Finanzberatung wenden Sie sich an zugelassene Honorarberater (BFP e.V.), Steuerberater oder die Verbraucherzentrale.

Steuerliche Hinweise: Alle steuerlichen Informationen basieren auf dem Rechtsstand 2024/2025 (Deutschland) und sind vereinfacht dargestellt. Steuergesetze ändern sich regelmäßig. Prüfen Sie steuerliche Fragen mit einem Steuerberater.

Urheberrecht: Nutzung ausschließlich für persönliche Lern- und Ausbildungszwecke.

Der rechtliche Hinweis erscheint auf jeder inhaltlich relevanten Kapitelseite, um Missverständnisse zu vermeiden. Durch die Nutzung erklären Sie sich mit diesen Bedingungen einverstanden.

Inhalt

Inhaltsverzeichnis

01

Finanzielle Grundlagen & Mindset

Warum Finanzbildung zählt · Nettovermögen · Finanzielle Reisephasen

02

Budget & Haushaltsbuch

50-30-20-Regel · Notgroschen · Pay Yourself First

03

Schulden & Kredit klug managen

Gute vs. schlechte Schulden · Avalanche & Snowball · SCHUFA

04

Aktien, ETFs & Zinseszins

Börsengrundlagen · ETF-Arten · Risikoklassen SRRI 1–7 · ETF-Beispiele · KID-Dokument

05

Mein Risikoprofil bestimmen

Interaktiver Fragebogen · Punktesystem · 5 Anlegerprofile · Empfehlungen

06

Altersvorsorge: Die 3 Säulen

Rentenlücke · bAV · Private Vorsorge · Aktienrente/Generationenkapital · Altersvorsorgedepot 2027 · Rentenbesteuerung · Kapitalertragssteuer · Kostenwirkung

07

Vermögenswirksame Leistungen

Was sind VL? · Anlageklassen im Vergleich · Sparzulage · Für wen geeignet?

08

Immobilieninvestment

Vor/Nachteile · Kaufprozess · Steuervorteile · Renditeberechnung · Leverage-Effekt

09

Bausparvertrag – Mythos oder sinnvolles Instrument?

Ansparphase als Verlustgeschäft · ETF-Vergleich · 3 Finanzierungsmodelle · ETF als Tilgungsersatz

10

Versicherungen & Absicherung

Welche Versicherungen brauche ich wirklich? · Pflicht vs. sinnvoll

11

Finanzfehler & Mythen

Behavioral Finance · Kognitiver Bias · Die häufigsten Irrtümer

Glossar & Literatur

Schlüsselbegriffe · Weiterführende Lektüre · Kostenlose Quellen

Kapitel 01

Finanzielle Grundlagen
& Mindset

Finanzielle Freiheit beginnt nicht mit dem richtigen Depot – sondern mit dem richtigen Mindset. Wer seine Beziehung zum Geld nicht versteht, wird auch mit dem besten Finanzplan scheitern.

⚠️

Kein Beratungsersatz: Allgemeines Finanzwissen, keine individuelle Anlage- oder Finanzberatung.

1.1 Warum Finanzbildung so wichtig ist

Laut OECD-Studie landet Deutschland beim Finanzwissen von Erwachsenen im europäischen Mittelfeld. Nur 38 % der Deutschen haben laut DIA-Studie 2023 ein Wertpapierdepot. Die Sparquote ist hoch – aber das Geld liegt überwiegend auf Tagesgeldkonten oder in Lebensversicherungen und verliert real an Kaufkraft.

»Compound interest is the eighth wonder of the world. He who understands it, earns it. He who doesn't, pays it.«

— Albert Einstein (zugeschrieben)

1.2 Das Finanz-Mindset

Morgan Housel zeigt in »The Psychology of Money«: Unser Verhalten mit Geld ist stärker von Emotionen und Erziehung geprägt als von Wissen.

Blockierende Glaubenssätze

  • »Über Geld spricht man nicht.«
  • »Investieren ist nur für Reiche.«
  • »Aktien sind wie Spielkasino.«
  • »Ich fange an, wenn ich mehr verdiene.«
  • »Hauptsache Sicherheit – kein Risiko.«

Förderliche Glaubenssätze

  • »Geld ist ein Werkzeug.«
  • »Auch 50 € monatlich wachsen.«
  • »Finanzbildung kann ich lernen.«
  • »Heute anfangen – mit dem, was ich habe.«
  • »Kein Handeln ist auch ein Risiko.«

1.3 Nettovermögen: Die wichtigste Zahl

Formel: Nettovermögen

Nettovermögen = Gesamtvermögen − Gesamtschulden

Vermögen: Girokonto + Sparkonten + Depots + Immobilien + Rentenansprüche
Schulden: Hypothek + Konsumkredite + Studienkredit + Überziehungen

Machen Sie diese Berechnung mindestens einmal pro Jahr. Wächst Ihr Nettovermögen? Das ist das entscheidende Ziel – nicht wie viel Sie verdienen, sondern wie viel Sie behalten und mehren.

Die finanzielle Reise in Phasen

1

Stabilität schaffen

Keine hochverzinsten Schulden. Notgroschen 3–6 Monatsgehälter. Kein dauerhaftes Überziehen.

2

Wachstum starten

Regelmäßiges Investieren beginnen. bAV nutzen. Sparrate schrittweise erhöhen.

3

Optimieren

Steuern optimieren, Freibeträge ausschöpfen, Versicherungen prüfen, Einkommensquellen diversifizieren.

4

Finanzielle Unabhängigkeit

FIRE-Faustformel: 25 × Jahresausgaben im Depot = passives Einkommen deckt Lebenshaltungskosten.

Finanzbildung · Praxishandbuch | Keine AnlageberatungKapitel 1

Kapitel 02

Budget &
Haushaltsbuch

Ein Budget ist keine Einschränkung – es ist Freiheit. Wer weiß, wohin sein Geld fließt, behält die Kontrolle. Die 50-30-20-Regel bietet einen bewährten Einstiegsrahmen.

⚠️

Kein Beratungsersatz: Alle Prozentwerte und Beispiele sind illustrativ. Passen Sie sie Ihrer Situation an.

2.1 Die 50-30-20-Regel

50 %

30 %

20 %

50 % – Notwendiges

30 % – Wünsche

20 % – Sparen & Investieren

Kategorie

Anteil

Beispiele

Bei 2.500 € netto

Notwendiges

50 %

Miete, Lebensmittel, Transport, Strom, KV

1.250 €

Wünsche

30 %

Restaurants, Hobbys, Urlaub, Streaming

750 €

Sparen/Investieren

20 %

Notgroschen, ETF-Sparplan, bAV, Tilgung

500 €

Regel als Startpunkt, nicht als Dogma

In teuren Städten kann allein die Miete 50 % überschreiten. Dann gilt: Wünsche reduzieren, Sparen nicht kürzen. Selbst 5 % Sparrate ist besser als 0 %.

2.2 Den Notgroschen aufbauen

Bevor Sie in Wertpapiere investieren: 3–6 Nettomonatsgehälter auf einem Tagesgeldkonto als Puffer. Dieser schützt davor, Investments in einer Krise zu ungünstigen Kursen verkaufen zu müssen.

Beispielrechnung

Notgroschen bei 2.500 € netto

Ziel: 3 × 2.500 € = 7.500 €

Sparrate: 300 €/Monat → Erreichungsdauer: 25 Monate

Danach: 300 € vollständig in ETF-Sparplan umleiten.

2.3 Pay Yourself First

Das Geheimnis erfolgreicher Sparer

Dauerauftrag am 1. des Monats: Sparrate automatisch auf Tagesgeld oder Depot überweisen, bevor das Geld für anderes ausgegeben wird. Wer zuerst spart und dann mit dem Rest lebt, spart deutlich mehr als umgekehrt – weil der Rest am Monatsende meist null ist.

Haushaltsbuch: Methoden im Vergleich

Methode

Aufwand

Vorteile

Tools

Bankauszugsanalyse

Niedrig

Automatisch, vollständig

Online-Banking

Spreadsheet

Mittel

Flexibel, individuell

Excel, Google Sheets

Budget-App

Mittel

Auto-Kategorisierung, mobil

YNAB, Finanzguru

Umschlag-Methode

Höher

Psychologisch wirksam

Physische Umschläge

Finanzbildung · Praxishandbuch | Keine AnlageberatungKapitel 2

Kapitel 03

Schulden & Kredit
klug managen

Nicht alle Schulden sind gleich. Manche bringen Sie voran, andere zerstören langfristig Ihren Vermögensaufbau. Dieses Kapitel erklärt den Unterschied und zeigt erprobte Tilgungsstrategien.

⚠️

Kein Beratungsersatz. Für individuelle Schuldnerberatung: kostenlose Beratungsstellen (AWO, Caritas, Verbraucherzentrale).

3.1 Gute vs. schlechte Schulden

Potenziell gute Schulden

  • Hypothek bei positivem Marktumfeld
  • Studienkredit mit niedrigem Zinssatz
  • Investitionskredit für renditebringende Assets

Schlechte Schulden

  • Überziehungszinsen (10–18 % p.a.!)
  • Konsumkredite für Urlaub, Luxus
  • Buy-Now-Pay-Later für Alltag
  • Kreditkarten-Revolving

3.2 Tilgungsstrategien

Avalanche (mathematisch optimal)

Zuerst die Schuld mit dem höchsten Zinssatz tilgen. Spart die meisten Zinsen. Minimum-Zahlungen auf alle anderen Schulden, Überschuss komplett auf die teuerste Schuld.

Avalanche – Beispiel

Kreditkarte 3.000 € @ 18 %, Ratenkredit 5.000 € @ 8 %, Autokredit 8.000 € @ 4 %

Reihenfolge: 1. Kreditkarte → 2. Ratenkredit → 3. Autokredit

Snowball (psychologisch wirksam)

Zuerst die kleinste Schuld tilgen (unabhängig vom Zinssatz). Schnelle »Wins« halten die Motivation aufrecht. Forschung zeigt: Menschen mit Snowball-Methode werden häufiger schuldenfrei, weil sie dranbleiben.

3.3 SCHUFA-Score pflegen

  • Einmal jährlich kostenlose SCHUFA-Eigenauskunft anfordern (meineschufa.de)
  • Alle Raten und Rechnungen pünktlich zahlen
  • Nicht zu viele Kreditanfragen gleichzeitig stellen
  • Nicht genutzte Konten schließen
  • Falsche Einträge aktiv korrigieren lassen

Finanzbildung · Praxishandbuch | Keine AnlageberatungKapitel 3

Kapitel 04

Aktien, ETFs &
Risikoklassen

Das Geld für sich arbeiten lassen ist das Grundprinzip jedes Vermögensaufbaus. Dieses Kapitel erklärt Börsengrundlagen, alle ETF-Arten, das europäische SRRI-Risikoklassensystem 1–7 mit konkreten ETF-Beispielen und wie man das KID-Dokument liest.

⚠️

Keine Anlageberatung: Ausschließlich allgemeinbildend. Jede Anlage in Wertpapiere trägt Risiken bis zum Totalverlust. Keine Empfehlung für spezifische Produkte.

4.1 Wie die Börse funktioniert

Eine Aktie ist ein Eigentumsanteil an einem Unternehmen. Wer Aktien kauft, wird Miteigentümer und profitiert von Kursgewinnen und Dividenden. Der Kurs spiegelt Angebot und Nachfrage wider – beeinflusst von Unternehmensgewinnen, Zinsen und Marktstimmung.

Grundbegriffe im Überblick

Index: Korb aus mehreren Aktien, der die Marktentwicklung abbildet. DAX = 40 größte dt. Unternehmen; MSCI World = 1.400+ Unternehmen aus 23 Ländern.

ETF: Exchange Traded Fund – börsengehandelter Fonds, der einen Index 1:1 nachbildet. Günstig, transparent, diversifiziert.

Depot: Konto bei Bank oder Broker zur Verwahrung von Wertpapieren.

TER: Total Expense Ratio – jährliche Gesamtkosten eines ETFs in %. Je niedriger, desto besser.

Thesaurierend: Erträge werden automatisch reinvestiert (kein Geldfluss). Ausschüttend: Dividenden werden ausgezahlt.

4.2 Der Zinseszins-Effekt

Rechenbeispiel – 100 € monatlich, 7 % Jahresrendite

Macht des Zinseszinses über Zeit

Nach 10 Jahren: 17.308 € (eingezahlt: 12.000 €)

Nach 20 Jahren: 52.397 € (eingezahlt: 24.000 €)

Nach 30 Jahren: 121.997 € (eingezahlt: 36.000 €)

Nach 40 Jahren: 264.012 € (eingezahlt: 48.000 €) — 216.012 € reiner Zinseszins!

4.3 ETF-Arten im Überblick

Der Markt bietet ETFs auf nahezu jede Anlageklasse. Diese sieben Haupttypen sollten Sie kennen:

1. Aktien-ETF (Equity ETF)

Bildet einen Aktienindex ab. Die wichtigste Kategorie für langfristigen Vermögensaufbau. Beispielindizes: MSCI World, S&P 500, DAX, FTSE All-World.

SRRI 4–6Hohe RenditeerwartungHöhere Schwankungen

2. Anleihen-ETF (Bond ETF)

Investiert in Staats- oder Unternehmensanleihen. Stabilisiert das Portfolio, niedrigere Renditeerwartung. Beispiele: Euro Government Bonds, Global Corporate Bonds.

SRRI 1–4StabilisierendNiedrigere Rendite

3. Rohstoff-ETF / ETC (Commodity)

Bildet Rohstoffpreise ab: Gold, Silber, Öl, Agrar. ETCs (Exchange Traded Commodities) sind technisch keine Fonds, funktionieren aber ähnlich. Gold-ETCs dienen oft als Inflationsschutz.

SRRI 3–6Keine laufenden ErträgeInflationsschutz (Gold)

4. Immobilien-ETF (REIT-ETF)

Investiert in börsengehandelte Immobilienunternehmen (REITs). Ermöglicht Immobilieninvestment ab kleinen Beträgen ohne Kaufnebenkosten. Zahlt meist hohe Dividenden (4–6 %).

SRRI 4–5Hohe DividendenZinsabhängig

5. Geldmarkt-ETF (Money Market)

Investiert in sehr kurzfristige Anleihen und Tagesgeldinstrumente. Kaum Schwankungen, rendite nahe am EZB-Leitzins. Alternative zum Tagesgeldkonto mit etwas mehr Flexibilität.

SRRI 1Sehr sicherNiedrige Rendite

6. Faktor-ETF (Smart Beta)

Setzt gezielt auf wissenschaftlich belegte Rendite-Faktoren: Value (günstig bewertet), Momentum (Kurstrend), Quality (profitabel), Low Volatility (wenig Schwankung), Size (kleine Unternehmen).

SRRI 4–6Wissenschaftlich fundiertPhasenweise Underperformance

7. Themen-ETF (Thematic ETF)

Konzentriert auf ein Thema: KI, Saubere Energie, Wasser, Cybersecurity, Gesundheit, E-Mobility. Hohe Konzentration = höheres Risiko. Sinnvoll nur als Beimischung (max. 10–15 % des Portfolios).

SRRI 5–7Hohes KlumpenrisikoNur als Beimischung

4.4 Das SRRI-Risikoklassensystem (1–7)

Jeder UCITS-ETF (und Investmentfonds) in Europa muss im Basisinformationsblatt (KID) einen Risikoindikator von 1–7 (SRRI – Synthetic Risk and Reward Indicator) ausweisen. Dieser basiert auf der historischen Kursvolatilität der letzten 5 Jahre.

1Sehr niedrig

2Niedrig

3Mittel-niedrig

4Mittel

5Mittel-hoch

6Hoch

7Sehr hoch

SRRI

Typ

Erwartete Jahresrendite*

Typische Schwankung p.a.

Anlagehorizont

1

Geldmarkt, Kurzläufer-Staatsanleihen

EZB-Zins –0,3 %

< 0,5 %

Jederzeit verfügbar

2

Euro-Staatsanleihen, IG-Unternehmensanleihen

1–3 %

0,5–2 %

2–5 Jahre

3

Globale Anleihen, konservative Mischfonds (20/80)

2–4 %

2–5 %

3–7 Jahre

4

Ausgewogene Mischfonds (50/50), REIT-ETFs

3–6 %

5–10 %

5–10 Jahre

5

Globale Aktien-ETFs (MSCI World, FTSE All-World)

5–9 %

10–20 %

10+ Jahre

6

Schwellenländer, Small Cap, Themen-ETFs

6–12 %

15–30 %

12+ Jahre

7

Gehebelte ETFs, Krypto-ETPs, Einzel-Branchen-ETFs

Unbegrenzt (± 50 %+)

30–80 %+

Nur Spekulation

*Historische Durchschnittswerte, keine Garantie für zukünftige Renditen. Keine Anlageempfehlung.

4.5 ETF-Beispiele nach Risikoklasse

Wichtiger Hinweis

Die folgenden ETF-Beispiele dienen ausschließlich der Veranschaulichung des Risikoklassensystems. Sie stellen keine Kauf- oder Verkaufsempfehlung dar. SRRI-Werte können sich ändern. Prüfen Sie stets das aktuelle KID-Dokument des jeweiligen ETFs.

SRRI

ETF-Beispiel (ISIN/Ticker)

Index

TER

SRRI 1

Xtrackers EUR Overnight Rate Swap (XEON)

€STR Overnight Rate

0,10 %

SRRI 1

iShares € Ultrashort Bond UCITS ETF (ERNS)

Bloomberg EuroAgg 0–1Y

0,09 %

SRRI 2

iShares Core Euro Government Bond (EUN4)

Bloomberg Euro Gov. Bond

0,07 %

SRRI 2

Vanguard EUR Eurozone Gov. Bond (VGEA)

Bloomberg Euro-Agg Gov.

0,07 %

SRRI 3

Vanguard LifeStrategy 20 % Equity (V20A)

20 % Aktien / 80 % Anleihen

0,25 %

SRRI 4

Vanguard LifeStrategy 40 % Equity (V40A)

40 % Aktien / 60 % Anleihen

0,25 %

SRRI 4

iShares Developed Markets Property Yield (IWDP)

FTSE EPRA Dev. REITs

0,59 %

SRRI 5

iShares Core MSCI World (EUNL / IS3N acc)

MSCI World (~1.480 Titel)

0,20 %

SRRI 5

Vanguard FTSE All-World (VWRL / VWCE acc)

FTSE All-World (~3.700 Titel)

0,22 %

SRRI 5

Xtrackers MSCI World Swap (XMAW)

MSCI World

0,15 %

SRRI 6

iShares Core MSCI EM IMI (IS3N)

MSCI Emerging Markets IMI

0,18 %

SRRI 6

iShares MSCI World Small Cap (WSML)

MSCI World Small Cap

0,35 %

SRRI 6

iShares Global Clean Energy (IQQH)

S&P Global Clean Energy

0,65 %

SRRI 7

Xtrackers S&P 500 2x Leveraged (XS2D)

S&P 500 × 2 täglich

0,60 %

4.6 Das KID-Dokument verstehen

Das Basisinformationsblatt (KID – Key Information Document) ist für jeden UCITS-ETF gesetzlich vorgeschrieben und kostenlos auf der Broker- oder Anbieter-Website verfügbar. Es enthält auf maximal 3 Seiten alle wesentlichen Informationen.

1

Risikoindikator (SRRI 1–7)

Farbiges Balkendiagramm im oberen Drittel. Zeigt die Risikoklasse auf einen Blick. Achtung: Basiert auf Vergangenheitsdaten, kann sich ändern.

2

Kosten (TER + Transaktionskosten)

Tabelle mit laufenden Kosten, Einstiegskosten und Performance-Gebühren. Alle Kosten p.a. in Prozent.

3

Empfohlene Haltedauer

Gibt an, wie lange man mindestens investiert bleiben sollte, um Schwankungen auszusitzen. Bei SRRI 5 typisch 5–10 Jahre.

4

Wertentwicklungsszenarien

Zeigt mögliche Renditen in vier Szenarien: Stress, ungünstig, moderat, günstig. Beachte: Diese sind Berechnungsmodelle, keine Prognosen.

5

Was passiert, wenn der Anbieter zahlungsunfähig wird?

ETF-Sondervermögen ist gesetzlich vom Vermögen der KVG getrennt – Insolvenz des Anbieters gefährdet nicht das Fondsvermögen (außer bei synthetischen Swap-ETFs mit Kontrahentenrisiko).

Wo finde ich das KID?

Bei jedem seriösen Online-Broker direkt auf der ETF-Produktseite (meist als PDF-Download). Alternativ direkt beim ETF-Anbieter (iShares.com, vanguard.de, xtrackers.com). Suche: »[ETF-Name] KID PDF«.

4.7 Grundprinzipien einer einfachen Anlagestrategie

1

Breit streuen

Verschiedene Länder, Branchen, Anlageklassen. Ein globaler Aktien-ETF enthält automatisch tausende Unternehmen.

2

Langfristig denken

Kein Market Timing. Kein Warten auf den »richtigen« Zeitpunkt. Regelmäßig und diszipliniert investieren.

3

Kosten minimieren

1 % mehr Kosten kostet über 30 Jahre Zehntausende Euro. TER unter 0,25 % anstreben.

4

Cost-Averaging nutzen

Monatlicher Sparplan statt Einmalinvestition. Bei fallenden Kursen kauft man automatisch mehr Anteile.

5

Emotionen kontrollieren

»Sei gierig, wenn andere ängstlich sind.« (Buffett) Panikverkäufe sind einer der häufigsten und teuersten Fehler.

Finanzbildung · Praxishandbuch | Keine AnlageberatungKapitel 4

Kapitel 05

Mein Risikoprofil
bestimmen

Bevor Sie investieren, müssen Sie wissen, welches Risiko zu Ihnen passt – nicht welches theoretisch optimal wäre. Beantworten Sie die folgenden 8 Fragen ehrlich. Die Punktzahl ergibt Ihr persönliches Anlegerprofil.

⚠️

Kein Ersatz für professionelle Anlageberatung. Dieser Fragebogen dient der Selbstorientierung. Zugelassene Berater (BFP, Banken) führen gesetzlich vorgeschriebene Geeignetheitsprüfungen durch.

5.1 Der Risikoprofil-Fragebogen

Wählen Sie pro Frage die Antwort, die am besten zu Ihnen passt. Addieren Sie am Ende alle Punkte und schauen Sie, welchem Profil Sie zugeordnet sind.

Frage 1 von 8

Wie lange planen Sie, Ihr investiertes Kapital nicht zu benötigen?

Weniger als 2 Jahre

0 P. 

2–5 Jahre

1 P. 

5–10 Jahre

2 P. 

10–20 Jahre

3 P. 

Über 20 Jahre

4 P.

Frage 2 von 8

Was würden Sie tun, wenn Ihr Portfolio innerhalb von 3 Monaten 25 % an Wert verliert?

Sofort alles verkaufen – ich kann das nicht ertragen

0 P. 

Einen Teil verkaufen, um den Verlust zu begrenzen

1 P. 

Abwarten und nichts tun

2 P. 

Etwas nachkaufen – günstige Gelegenheit

3 P. 

Deutlich nachkaufen – das ist eine großartige Chance

4 P.

Frage 3 von 8

Wie hoch ist Ihr monatliches Nettoeinkommen?

Unter 1.500 €

0 P. 

1.500–2.500 €

1 P. 

2.500–4.000 €

2 P. 

4.000–6.000 €

3 P. 

Über 6.000 €

4 P.

Frage 4 von 8

Wie viel Prozent Ihres Gesamtvermögens möchten Sie investieren (ohne Notgroschen)?

Mehr als 90 % – alles auf eine Karte

0 P. 

70–90 %

1 P. 

50–70 %

2 P. 

25–50 %

3 P. 

Unter 25 % – ich habe viel Liquiditätspuffer

4 P.

Frage 5 von 8

Welche Anlageerfahrung haben Sie bisher gesammelt?

Keine – ich fange komplett neu an

0 P. 

Nur Sparbuch oder Tagesgeld

1 P. 

Ich habe bereits etwas in Fonds oder ETFs investiert

2 P. 

Regelmäßiges Investieren seit mehreren Jahren

3 P. 

Erfahrener Investor mit diversifiziertem Portfolio (Aktien, ETFs, ggf. Immobilien)

4 P.

Frage 6 von 8

Wie ist Ihre aktuelle Beschäftigungs- und Einkommenssituation?

Arbeitssuchend oder befristeter Vertrag

0 P. 

Selbstständig mit schwankendem Einkommen

1 P. 

Unbefristet angestellt, mittleres Einkommen

2 P. 

Unbefristet angestellt, hohes Einkommen

3 P. 

Multiple, stabile Einkommensquellen

4 P.

Frage 7 von 8

Welchen maximalen jährlichen Verlust könnten Sie emotional und finanziell verkraften?

Keinen Verlust – ich brauche vollständige Sicherheit

0 P. 

Bis zu –5 %

1 P. 

Bis zu –15 %

2 P. 

Bis zu –30 %

3 P. 

Mehr als –30 % – ich denke nur langfristig

4 P.

Frage 8 von 8

Was ist Ihr primäres Investitionsziel?

Kapital erhalten – ich will keinen Cent verlieren

0 P. 

Inflation schlagen – leicht über Tagesgeld

1 P. 

Moderates Wachstum bei überschaubarem Risiko

2 P. 

Gutes langfristiges Wachstum, Schwankungen akzeptiert

3 P. 

Maximales Wachstum – Rendite über alles

4 P.

5.2 Auswertung: Die 5 Anlegerprofile

Punkte

Profil

SRRI-Klassen

Typische Portfoliostruktur

Beispiel-Zeithorizont

0–8

🟢 Konservativ

SRRI 1–2

80–100 % Anleihen/Geldmarkt, 0–20 % Aktien

0–3 Jahre

9–14

🟡 Defensiv

SRRI 2–3

60 % Anleihen, 40 % Aktien (globaler Mix)

3–7 Jahre

15–20

🟠 Ausgewogen

SRRI 3–4

50 % Aktien, 50 % Anleihen (z.B. LifeStrategy 60)

7–12 Jahre

21–26

🔴 Wachstumsorientiert

SRRI 4–5

70–80 % globale Aktien-ETFs, 20–30 % Anleihen

12–20 Jahre

27–32

🟣 Chancenorientiert

SRRI 5–7

90–100 % Aktien (MSCI World + EM), ggf. Themen-ETFs

20+ Jahre

Ehrlichkeit schlägt Theorie

Das mathematisch »beste« Portfolio nützt nichts, wenn Sie beim ersten Kursrückgang in Panik alles verkaufen. Wählen Sie das Risikoprofil, das Sie tatsächlich durchhalten können – auch nach einem Verlust von 30 % über mehrere Monate. Das ist die wirkliche Überprüfung Ihrer Risikotoleranz.

Finanzbildung · Praxishandbuch | Keine AnlageberatungKapitel 5

Kapitel 06

Altersvorsorge:
Die 3 Säulen

Die gesetzliche Rente allein reicht für die meisten Menschen nicht aus – das ist keine Meinung, sondern Mathematik. Dieses Kapitel erklärt die drei Säulen, die neue Aktienrente, das neue Altersvorsorgedepot ab 2027 (der Riester-Nachfolger mit ETFs und staatlicher Zulage), Rentenbesteuerung und warum Kosten Ihren Vermögensaufbau über Jahrzehnte entscheidend beeinflussen.

⚠️

Keine Anlage- oder Rentenberatung. Angaben auf Basis 2024/2025. Für individuelle Planung: Deutsche Rentenversicherung (drv.de) und zugelassene Berater.

6.1 Das 3-Säulen-Modell

I

Gesetzliche Rente

Pflicht für Arbeitnehmer. Umlageverfahren: Heutige Beiträge finanzieren heutige Rentner. Herausforderung: Demografischer Wandel.

II

Betriebliche Altersvorsorge

Arbeitgeber-gefördert. bAV, Pensionskasse, Direktversicherung. Seit 2019: 15 % Arbeitgeberzuschuss bei Entgeltumwandlung.

III

Private Vorsorge

Riester (läuft aus), Rürup, ETF-Depot, Immobilien. Ab 2027: Altersvorsorgedepot – neuer Riester-Nachfolger mit ETFs und staatlicher Zulage bis 540 €/Jahr. Höchste Gestaltungsfreiheit.

6.2 Das Rentenniveau & die Rentenlücke

Das gesetzliche Rentenniveau liegt bei ca. 48 % des Durchschnittslohns. Wer 3.000 € netto verdient, erhält potenziell nur ~1.200 € aus der gesetzlichen Rente – vor Steuern und Krankenversicherungsbeitrag.

Beispielrechnung – Rentenlücke

Person, 35 J., 3.000 € Netto

Gewünschtes Niveau: 80 % = 2.400 €/Monat

Erwartete gesetzliche Rente: ~1.200 €

Rentenlücke: 1.200 €/Monat = 14.400 €/Jahr

Kapital für 20 Jahre (ohne Rendite): ~288.000 € → muss durch Säule II + III geschlossen werden.

6.3 Säule II: Betriebliche Altersvorsorge

Die bAV ist einer der meistunterschätzten Hebel. Beiträge aus Bruttogehalt (Entgeltumwandlung) sind steuer- und sozialversicherungsfrei bis 3.624 € p.a. (2024). Der Arbeitgeber muss seit 2019 mindestens 15 % zuschießen.

Effektiver Kostenvorteil der bAV

Bei 100 € Beitrag zahlt der Arbeitnehmer effektiv nur ca. 50–55 € – Steuer und Sozialabgaben übernimmt das System. Plus Arbeitgeberzuschuss. Nicht zu nutzen bedeutet entgangenes Geld.

6.4 Säule III: Private Vorsorge im Vergleich

Produkt

Förderung

Flexibilität

Rendite-Potenzial

Für wen?

Altersvorsorgedepot (ab 2027)

Staatl. Zulagen bis 540 €/J. + Steuerstundung (EET)

Hoch

Hoch (ETF-basiert, kein Garantiezwang)

Alle Arbeitnehmer + Selbstständige, Familien

Riester-Rente (wird 2027 ersetzt)

Staatl. Zulagen + Steuerabzug

Gering

Niedrig–Mittel

Bestandsverträge: prüfen, ggf. übertragen

Rürup-Rente

Steuerlich absetzbar

Sehr gering

Niedrig–Mittel

Selbstständige, Gutverdiener

ETF-Sparplan

Keine direkte Förderung

Sehr hoch

Hoch (historisch)

Alle mit langem Zeithorizont

Immobilien

Indirekt (AfA, Werbungskosten)

Gering

Mittel–Hoch

Mit Eigenkapital & Know-how

6.5 Die neue Aktienrente – Generationenkapital

Mit dem Rentenpaket II (2024) hat die Bundesregierung das sogenannte »Generationenkapital« eingeführt – in der politischen Diskussion oft als »Aktienrente« bezeichnet. Es ist Deutschlands erster Schritt zu einer kapitalgedeckten Komponente im Rentensystem.

Was ist das Generationenkapital?

  • Der Bund stellt ab 2024 jährlich Mittel bereit – anfänglich 12 Milliarden Euro – die über Bundesanleihen (Schulden) aufgenommen und in einen unabhängigen Staatsfonds investiert werden.
  • Ziel: Aufbau eines Kapitalstocks von 200 Milliarden Euro bis 2035
  • Verwaltung: durch eine unabhängige Stiftung (»Deutsche Rentenkapital GmbH«), ähnlich dem norwegischen Staatsfonds
  • Investition: breit diversifiziert in globale Aktien und Anleihen
  • Ab ca. 2036: jährliche Ausschüttung von ~10 Milliarden Euro an die gesetzliche Rentenversicherung

Was bedeutet das für Ihre Rente?

Die Auswirkung auf die individuelle Rente ist gering: Die 10 Mrd. € Ausschüttung sollen das Rentenniveau stabilisieren, nicht erhöhen. Im Verhältnis zum gesamten Rentenvolumen (~350 Mrd. € jährlich) ist der Effekt ca. 3 %. Für den einzelnen Rentner macht das je nach Rentenbiografie kaum messbare Unterschiede.

Kritik am Modell

Schuldenfinanziert: Kapital wird durch Bundesanleihen aufgenommen – das ist keine echte Kapitaldeckung, da Zinslast die Erträge teilweise aufzehrt.

Zu klein: 200 Mrd. € bei 84 Mio. Einwohnern entspricht ~2.400 € pro Kopf – deutlich weniger als das norwegische Modell (~200.000 € pro Kopf).

Kein Ersatz für private Vorsorge: Das Generationenkapital ergänzt die gesetzliche Rente minimal. Eigeninitiative in Säule II und III bleibt unverzichtbar.

6.6 Steuerliche Behandlung der Rente

Seit dem Alterseinkünftegesetz 2005 gilt für gesetzliche Renten das Prinzip der nachgelagerten Besteuerung: Beiträge werden jetzt (weitgehend) steuerlich gefördert, Renten später versteuert. Das Modell wird schrittweise bis 2058 vollständig umgesetzt.

Der Besteuerungsanteil der Rente

Renteneintrittsjahr

Besteuerungsanteil

Steuerfreier Anteil

2005

50 %

50 %

2010

60 %

40 %

2020

80 %

20 %

2023

82,5 %

17,5 %

2024

83 %

17 %

2030

86 %

14 %

2040

91 %

9 %

Ab 2058

100 %

0 %

Was bedeutet das konkret?

Wer 2024 in Rente geht, hat einen Besteuerungsanteil von 83 %. Bei einer Rente von 1.500 €/Monat sind 1.245 €/Monat steuerpflichtig. Der steuerfreie Freibetrag (252 €/Monat) wird im ersten Jahr festgesetzt und bleibt dann in Euro für immer konstant – auch wenn die Rente steigt. Der Grundfreibetrag 2024 beträgt 11.784 € (ledig). Viele Rentner zahlen trotz Besteuerungspflicht keine oder wenig Steuern, weil ihre Gesamteinkünfte darunterbleiben.

Krankenversicherungsbeitrag der Rentner

Gesetzlich Versicherte zahlen als Rentner den vollen KV-Beitrag (2024: 16,3 % gesamt inkl. Pflegepflichtversicherung), hälftig von der Rentenversicherung getragen. Bei Bezug von Betriebs- oder Privatrenten gilt ab 2020 eine Freigrenze (2024: 176,75 €/Monat).

6.7 Kapitalerträge & Steuern

Wer ein Wertpapierdepot führt, zahlt auf Kapitalerträge die Abgeltungssteuer. Das Wichtigste im Überblick:

Steuer

Satz

Gesamtbelastung (ohne KiSt)

Abgeltungssteuer

25,00 %

26,375 %

Solidaritätszuschlag

5,5 % auf Steuer = 1,375 %

Kirchensteuer (falls KiSt-Mitglied)

8–9 % auf Steuer

ca. 27,8–28,6 %

Sparerpauschbetrag 2024

Der erste 1.000 € an Kapitalerträgen pro Jahr (2.000 € bei zusammenveranlagten Ehepaaren) ist steuerfrei. Stellen Sie bei Ihrem Broker einen Freistellungsauftrag in dieser Höhe, damit keine Steuer automatisch einbehalten wird.

Teilfreistellung bei Aktien-ETFs

Bei UCITS-ETFs mit mehr als 51 % Aktienanteil gilt die Teilfreistellung von 30 %: 30 % der Erträge sind steuerfrei, nur 70 % werden besteuert. Das senkt die effektive Steuer:

Effektive Steuerbelastung bei Aktien-ETFs

25 % × 70 % (Teilfreistellung) = 17,5 % effektiv (+ Soli = 18,46 %)

Beispiel: 1.000 € Gewinn aus MSCI-World-ETF Verkauf (nach Freistellungsauftrag):
Steuerpflichtiger Betrag: 1.000 × 70 % = 700 €
Steuer: 700 × 26,375 % = 184,63 €
Nettobetrag: 815,38 €

Vorabpauschale (thesaurierende ETFs)

Thesaurierende ETFs schütten keine Dividenden aus. Damit der Staat nicht bis zum Verkauf auf die Steuern warten muss, wird jährlich eine Vorabpauschale berechnet und besteuert:

Vorabpauschale – Berechnung

Vorabpauschale = ETF-Wert (Jahresbeginn) × Basiszins × 0,7

Basiszins 2024 (für das Steuerjahr 2023): 2,55 %
Beispiel: ETF-Wert 10.000 € → 10.000 × 2,55 % × 0,7 = 178,50 € Vorabpauschale
Nach 30 % Teilfreistellung: 178,50 × 70 % = 124,95 € steuerpflichtig
Steuer: 124,95 × 26,375 % = 32,96 € → Die Bank bucht diesen Betrag ab.

Steuer-Tipp: Freistellungsauftrag + Verlustverrechnungstopf

Richten Sie bei jedem Broker einen Freistellungsauftrag ein (max. 1.000 € gesamt pro Person). Verluste aus Aktien können nur mit Aktiengewinnen verrechnet werden (Verlustverrechnungstopf). Jahresübergreifend nutzbar. Ende des Jahres können Sie eine »Verlustbescheinigung« beantragen, um Verluste auf andere Institute zu übertragen.

6.8 Das Altersvorsorgedepot – Staatlich geförderte Kapitalanlage ab 2027

Ab dem 1. Januar 2027 tritt Deutschlands größte private Altersvorsorge-Reform seit der Riester-Einführung in Kraft: das Altersvorsorgedepot (AVD). Es ersetzt die Riester-Rente und ermöglicht erstmals staatlich geförderte Direktinvestitionen in Aktien-ETFs – ohne die bisher obligatorischen Beitragsgarantien, die Renditen systematisch auf dem Niveau von Anleihen gedeckelt haben.

Warum ist das ein Durchbruch?

Das Hauptproblem der Riester-Rente war die gesetzliche Beitragsgarantie von 100 %: Anbieter mussten dadurch den Großteil des Kapitals in Anleihen investieren – für Aktien-ETFs blieb kaum Platz. Die Folge: in 20 Jahren oft weniger Rendite als ein simpler Tagesgeld-Sparplan. Das neue Depot bricht mit diesem Dogma und erlaubt bis zu 100 % Aktienquote.

Die drei Produktvarianten

A

Standardprodukt ohne Garantie – das Altersvorsorgedepot

Volle Investition in Aktien-ETFs möglich. Keine Kapitalgarantie. Kostendeckel: max. 1,0 % Effektivkosten p.a. Jeder Anbieter muss dieses Produkt zwingend anbieten. Für langfristig orientierte Anleger mit Zeithorizont 15+ Jahre die renditereichste Option.

B

Garantieprodukt mit 80 % Kapitalerhalt

80 % der eingezahlten Beiträge (inkl. Zulagen) sind am Laufzeitende garantiert. Ermöglicht mehr Aktienanteil als Option C. Für sicherheitsbewusstere Anleger mit mittlerem Zeithorizont (10–15 Jahre).

C

Garantieprodukt mit 100 % Kapitalerhalt

Alle eingezahlten Beiträge nominal garantiert – ähnlich der alten Riester-Pflicht. Sehr konservativ, geringste Renditechancen. Nur für kurze Zeithorizonte (< 10 Jahre bis Rente) oder bei extremer Risikoaversion.

Die staatliche Förderung im Detail

Die Förderung ist zweistufig und prozentual ausgestaltet – deutlich transparenter als die alte Riester-Staffelung:

Förderstruktur Altersvorsorgedepot 2027

Stufe 1: 50 % auf die ersten 360 € Eigenbeitrag/Jahr = 180 € Zulage
Stufe 2: 25 % auf weitere 1.440 € Eigenbeitrag/Jahr = 360 € Zulage
Maximale Grundzulage: 540 €/Jahr bei 1.800 € Eigenbeitrag (150 €/Monat)

Monatlich 150 € einzahlen → Staat legt 45 €/Monat oben drauf (540 €/12)
Effektive monatliche Sparrate: 195 € – der Staat übernimmt 23 % Ihres Beitrags.
Über 30 Jahre sind das 16.200 € Staatsgeld zusätzlich – kostenloses Kapital!

Fördertyp

Bedingung

Maximalbetrag

Grundzulage Stufe 1

50 % auf erste 360 € Eigenbeitrag/Jahr

180 €/Jahr

Grundzulage Stufe 2

25 % auf nächste 1.440 € Eigenbeitrag/Jahr

360 €/Jahr

Maximale Grundzulage

Bei 1.800 € Jahresbeitrag (150 €/Monat)

540 €/Jahr

Kinderzulage

100 % auf bis zu 300 € Eigenbeitrag je Kind/Jahr

bis 300 €/Kind/Jahr

Berufseinsteiger-Bonus

Einmalig für Personen unter 25 Jahren

200 € (einmalig)

Maximal einzahlbarer Betrag

Über 1.800 € keine direkte Zulage, aber Steuerstundung

bis 6.840 €/Jahr

Erstmals auch für Selbstständige!

Ab 2027 sind Selbstständige, Freiberufler und Gewerbetreibende förderberechtigt. Bisher war diese Gruppe vom staatlich geförderten Vorsorgesystem weitgehend ausgeschlossen. Keine Einkommensobergrenze für die Grundzulage.

Steuerliche Behandlung: Das EET-Prinzip

Das Altersvorsorgedepot funktioniert nach dem EET-Prinzip (Exempt–Exempt–Taxed): Beiträge und Erträge in der Ansparphase sind steuerfrei (»E«), erst die Auszahlung im Alter wird versteuert (»T«). Das erzeugt einen gewaltigen Steuerstundungseffekt:

Normales ETF-Depot (heute)

  • Dividenden: jährlich 25 % Abgeltungssteuer
  • Kursgewinne: 25 % bei Verkauf
  • Vorabpauschale jährlich fällig
  • Kein staatlicher Zuschuss

Altersvorsorgedepot (ab 2027)

  • Dividenden/Erträge: steuerfrei in der Ansparphase
  • Kursgewinne: steuerfrei bis Auszahlung
  • Vorabpauschale entfällt im Depot
  • Plus: bis zu 540 € staatliche Zulage/Jahr

Bei der Auszahlung gilt: Der geförderte Anteil (bis 1.800 € Eigenbeitrag + Zulagen) wird mit dem persönlichen Einkommensteuersatz im Rentenalter versteuert – der ist meist deutlich niedriger als in der Erwerbsphase. Der ungeförderte Anteil (über 1.800 € bis max. 6.840 €) profitiert von Ertragsanteilsbesteuerung (bei Auszahlplan) oder dem Halbeinkünfteverfahren (bei Einmalauszahlung nach 12 Jahren).

Günstigerprüfung: Zulage oder Steuerersparnis?

Rechenbeispiel – Günstigerprüfung

Grenzsteuersatz 42 % | 1.800 € Eigenbeitrag | 540 € Staatszulage

Das Finanzamt prüft automatisch, ob direkte Zulage oder Sonderausgabenabzug besser ist. Bei hohem Einkommen:

Gesamteinzahlung (Eigen + Zulage): 1.800 + 540 = 2.340 €

Steuerersparnis bei 42 % Grenzsteuersatz: 2.340 × 42 % = 982,80 €

Abzüglich bereits erhaltener Zulage: 982,80 − 540 = + 442,80 € zusätzliche Steuererstattung

Effektiver Eigenanteil: 1.800 − 540 − 442,80 = nur 817,20 € von 1.800 € eingezahlt

Auszahlung im Ruhestand – mehr Freiheit als Riester

1

30 % Einmalauszahlung zu Rentenbeginn möglich

Bis zu 30 % des Depotwertes können sofort entnommen werden – z.B. für Schuldenabbau, Immobilienkauf oder größere Anschaffungen.

2

Auszahlplan (Rest) bis mindestens 85. Lebensjahr

Die verbleibenden 70 % laufen über einen Auszahlplan. Keine lebenslange Versicherungspflicht mehr – der entscheidende Unterschied zur Riester-Rente, die fast immer in eine lebenslange Versicherung mündete.

3

Restkapital ist vererbbar

Verbleibendes Kapital nach dem 85. Lebensjahr kann an Erben weitergegeben werden. Bei der klassischen Riester-Rente war dies kaum möglich – das Kapital »verbrannte« bei frühem Tod.

Was passiert mit bestehenden Riester-Verträgen?

Option A: Vertrag auf neue AVD-Konditionen umstellen

Viele Anbieter stellen Bestands-Riester-Verträge auf die neuen Rahmenbedingungen um. Höhere Förderung, mehr Freiheit – ohne Neuabschluss. Gut geeignet für Personen mit zufriedenstellendem Anbieter.

Option B: Gesamtes Kapital auf neues AVD übertragen

Das gesamte Riester-Guthaben (inkl. erhaltener Zulagen) kann in ein neues Altersvorsorgedepot übertragen werden. Achtung: Einbahnstraße – ein Rückwechsel zu Riester ist nicht möglich.

Option C: Riester beitragsfrei ruhen lassen + neues AVD eröffnen

Den alten Vertrag einfrieren (Zulagen behalten, keine neuen Beiträge) und parallel ein neues AVD starten. Sinnvoll, wenn der Riester-Vertrag noch vorteilhafte Garantien aus älteren, hochverzinsten Jahren enthält.

Nie voreilig kündigen!

Bei einer Kündigung müssen Sie alle erhaltenen Zulagen und Steuervorteile zurückzahlen – das ist fast immer die teuerste Option. Prüfen Sie zunächst immer die drei Optionen A, B oder C oben.

Für wen lohnt sich das Altersvorsorgedepot besonders?

Alle Arbeitnehmer mit 15+ Jahren bis zur Rente: Staatliche Zulage von 540 €/Jahr + Steuerstundung schlägt fast immer ein ungeförderteres Direktdepot.

Selbstständige und Freiberufler: Erstmals staatlich geförderte Kapitalanlage zugänglich.

Gutverdiener (Grenzsteuersatz 42 %): Zusätzlicher Steuereffekt via Günstigerprüfung senkt Eigenanteil auf effektiv unter 50 %.

Familien mit Kindern: Bis zu 300 € Kinderzulage pro Kind und Jahr zusätzlich.

⚠️ Kurzfristig Orientierende (Rente < 10 Jahre): Garantieprodukt B oder C wählen, oder bei sehr kurzen Zeithorizonten normales Tagesgeld/Anleihen-Depot bevorzugen.

6.9 Kosten – Der größte unterschätzte Renditefresser

Der Gesetzgeber hat mit dem AVD-Kostendeckel von 1,0 % p.a. eine wichtige Obergrenze gesetzt. Doch wie gravierend ist der Unterschied zwischen 1,0 % und 0,7 %? Und warum ist dieser Unterschied nach Jahrzehnten viel bedeutsamer, als die kleine Zahl vermuten lässt?

Wo entstehen Anlagekosten?

ETF-TER (Total Expense Ratio): Laufende interne Fondskosten – bei MSCI-World-ETFs oft nur 0,07–0,20 % p.a.

Depotführungsgebühren / Ordergebühren: Bei Neobroker-Depots (Trade Republic, Scalable etc.) meist 0 €/Jahr + minimal pro Sparplan.

Produktmantelkosten: Bei Versicherungsmänteln (Riester, Rürup, fondsgebundene Rentenversicherung) oft 0,5–1,5 % p.a. zusätzlich – kommen zum TER oben drauf.

Effektivkosten (gesetzliche Kennziffer): Alle Kostenbestandteile zusammengefasst. Das AVD-Standardprodukt ist auf max. 1,0 % p.a. gedeckelt.

Die mathematische Wirkung: Kosten potenzieren sich durch den Zinseszins

Kosten reduzieren nicht linear die Rendite – durch den Zinseszinseffekt wächst ihr Schaden exponentiell über die Zeit. Jeder Euro, der an Gebühren abfließt, fehlt nicht nur einmal: Er kann nicht mehr für Sie arbeiten und keine weiteren Erträge erzeugen.

Rechenbeispiel: Einmalanlage 100.000 € über 30 Jahre bei 7 % Bruttorendite

Nettorendite = Bruttorendite − Gesamtkosten p.a.
Endwert = Startkapital × (1 + Nettorendite)^Jahre

Kosten 1,0 % p.a. → Nettorendite 6,0 % → 100.000 × 1,06³⁰ = 574.349 €
Kosten 0,7 % p.a. → Nettorendite 6,3 % → 100.000 × 1,063³⁰ = 624.769 €
Kosten 0,2 % p.a. → Nettorendite 6,8 % → 100.000 × 1,068³⁰ = 714.425 €

Kostendifferenz 1,0 % vs. 0,7 %: nur 0,3 % Unterschied → 50.420 € mehr Endvermögen (= +8,8 %)
Kostendifferenz 1,0 % vs. 0,2 %: nur 0,8 % Unterschied → 140.076 € mehr Endvermögen (= +24,4 %)

Sparplan-Vergleich: 150 €/Monat über 30 und 40 Jahre

Praxis-Szenario: monatlicher ETF-Sparplan mit 150 € Eigenbeitrag, 7 % Bruttorendite p.a. (historischer MSCI-World-Durchschnitt). Die Kosten werden jährlich vom Ertrag abgezogen.

Kostenniveau

Nettorendite

Endwert nach 30 J.

Endwert nach 40 J.

Mehr als bei 1 %

1,0 % p.a. (AVD-Deckelmaximum)

6,0 %

150.700 €

298.700 €

— (Basisfall)

⚠️ 0,7 % p.a. (günstiger Fondsmantel)

6,3 %

159.700 €

324.200 €

+9.000 € / +25.500 €

0,2 % p.a. (MSCI-World-ETF + Neobroker)

6,8 %

175.900 €

372.500 €

+25.200 € / +73.800 €

Annahmen: 150 €/Monat, 7 % p.a. Bruttorendite, monatliche Sparplanausführung. Vereinfachte Modellrechnung ohne Steuern. Historische Renditen sind keine Garantie für die Zukunft.

Der 1 %-Deckel: wichtig – aber nicht das Optimum

Der gesetzliche Kostendeckel von 1,0 % für AVD-Standardprodukte ist eine klare Verbesserung gegenüber alten Riester-Versicherungen (oft 1,5–2,5 % effektiv). Trotzdem zeigt die Tabelle: Ein MSCI-World-ETF im Neobroker-Depot kostet nur ~0,1–0,2 % p.a. und wäre rein renditemäßig deutlich effizienter. Der entscheidende Vorteil des AVD ist die staatliche Zulage von 540 €/Jahr, die den Kostennachteil gegenüber dem ungeförderten Direktdepot überkompensiert – bei vollem Einzahlen bis 150 €/Monat.

AVD vs. normales ETF-Depot: Was bringt mehr?

Break-Even-Vergleich: AVD (1 % Kosten) vs. normales Depot (0,2 % Kosten)

150 €/Monat Eigenbeitrag | 30 Jahre | 7 % Bruttorendite

Normales ETF-Depot (0,2 % Kosten, 6,8 % netto): 150 €/Monat → 175.900 €

Altersvorsorgedepot (1,0 % Kosten, 6,0 % netto): 195 €/Monat effektiv (inkl. 45 €/Monat Staatszulage) → 195.900 €

Vorteil AVD trotz höherer Kosten: + 20.000 € – weil der staatliche Zuschuss den Kostennachteil überkompensiert.

Fazit: Bei konsequentem Ausschöpfen der Grundzulage (150 €/Monat) lohnt sich das AVD fast immer mehr als das ungeförderte Depot.

Faustregeln für kostenbewusste Anleger

Im Altersvorsorgedepot: Anbieter vergleichen – Effektivkosten variieren von ~0,3 bis 1,0 %. Das günstigste AVD-Standardprodukt wählen. Die staatliche Zulage maximal ausschöpfen (150 €/Monat Eigenbeitrag).

Im freien ETF-Depot: MSCI-World- oder FTSE-All-World-ETF mit TER 0,05–0,20 % p.a. bei Neobroker ohne Depotkosten. Sparplangebühren: idealerweise 0 €.

Faustregel: Ziel-Gesamtkosten unter 0,5 % p.a. im freien Depot, unter 0,7 % p.a. im geförderten AVD.

Finger weg von: Fondsgebundene Lebensversicherungen > 1,5 % Effektivkosten · aktiv gemanagte Fonds > 1,0 % TER · Riester-Verträge mit hohen Abschlussprovisionen (Kick-backs prüfen).

Finanzbildung · Praxishandbuch | Keine AnlageberatungKapitel 6

Kapitel 07

Vermögenswirksame
Leistungen (VL)

Vermögenswirksame Leistungen sind eine der am meisten unterschätzten Möglichkeiten, staatlich gefördertes Sparen zu nutzen. Viele Arbeitnehmer wissen nicht, dass ihr Arbeitgeber verpflichtet sein kann, bis zu 40 € monatlich zuzugeben – on top.

⚠️

Kein Beratungsersatz. Steuerliche Details und Förderbeträge gelten für das Jahr 2024 und können sich ändern.

7.1 Was sind Vermögenswirksame Leistungen?

Vermögenswirksame Leistungen (VL) sind ein gesetzlich geregeltes Instrument der Vermögensbildung für Arbeitnehmer (5. Vermögensbildungsgesetz). Der Arbeitgeber zahlt bis zu 40 €/Monat (480 €/Jahr) zusätzlich zum Gehalt in ein VL-Anlageprodukt – wenn dies tarifvertraglich oder individuell vereinbart ist.

Wichtige Grundregeln

Arbeitgeberbetrag: Je nach Tarifvertrag 6,65 bis 40 €/Monat. Fragen Sie in Ihrer Personalabteilung nach, ob VL Teil Ihres Tarifvertrags sind.

Eigenanteil: Sie können den Arbeitgeberbetrag mit eigenem Geld aufstocken, bis das Anlageprodukt voll bespart ist.

Bindungsfrist: In der Regel 6 Jahre Ansparzeit + 1 Jahr Ruhejahr (bei Fondssparplänen). Vorzeitige Auflösung meist mit Strafzinsen oder Steuernachzahlung verbunden.

7.2 Die staatliche Arbeitnehmer-Sparzulage

Zusätzlich zum Arbeitgeberbeitrag gibt es staatliche Prämien – aber nur für Geringverdiener unterhalb bestimmter Einkommensgrenzen:

Anlageform

Zulage

Auf max. Betrag

Max. Zulage/Jahr

Einkommensgrenze (zvE ledig/verheiratet)

Fondssparplan (ETF/Fonds)

20 %

400 €/Jahr

80 €/Jahr

40.000 € / 80.000 €

Bausparvertrag

10 %

470 €/Jahr (ab 2024)

47 €/Jahr

17.900 € / 35.800 €

Änderung 2024: Anhebung der Einkommensgrenzen

Mit dem Jahressteuergesetz 2024 wurden die Einkommensgrenzen für die Arbeitnehmer-Sparzulage beim Fondssparplan deutlich angehoben (vorher: 20.000 € ledig). Damit profitieren nun deutlich mehr Arbeitnehmer von der staatlichen Prämie.

7.3 Die drei Anlageklassen im Vergleich

🏦 Banksparbuch

Rendite: Sehr niedrig (Tagesgeld-Niveau oder darunter)

Sicherheit: Sehr hoch (Einlagensicherung)

Förderung: Arbeitnehmer-Sparzulage 20 % auf max. 400 €

Bindung: 6+1 Jahre

Status: Kaum noch angeboten

🏠 Bausparvertrag

Rendite: Niedrig (Guthabenzins 0,1–1 %)

Sicherheit: Sehr hoch

Förderung: Wohnungsbauprämie 10 % auf 470 €

Bindung: 7 Jahre

Besonderheit: Recht auf günstiges Bauspardarlehen

📈 Fondssparplan (ETF)

Rendite: Mittel–hoch (historisch 5–9 % p.a.)

Sicherheit: Schwankend (Marktrisiko)

Förderung: ASpZ 20 % auf max. 400 €

Bindung: 6+1 Jahre

Besonderheit: Beste Langzeitrendite-Chance

7.4 Detailvergleich: Vor- und Nachteile

Kriterium

Banksparbuch

Bausparvertrag

ETF-Fondssparplan

Renditechance

❌ Sehr niedrig

❌ Niedrig

✅ Hoch (langfristig)

Kapitalschutz

✅ Ja

✅ Ja

❌ Nein (Marktrisiko)

Staatl. Förderung

✅ Ja (20 %)

✅ Ja (10 % + Wohnpr.)

✅ Ja (20 %)

Flexibilität nach Bindung

Mittel

Mittel (Darlehensoption)

✅ Hoch (börsenhandelbar)

Geeignet für Immobilienkauf

❌ Nein

✅ Ja (Darlehen)

⚠️ Nur als Eigenkapital

Inflationsschutz

❌ Nein

❌ Kaum

✅ Historisch ja

Aufwand nach Abschluss

Gering

Gering

Gering (Sparplan läuft)

7.5 Für wen ist welche VL-Anlage geeignet?

🏦

Banksparbuch – für kaum jemanden mehr sinnvoll

Wird von den meisten Banken gar nicht mehr angeboten. Wer absolut kein Risiko toleriert und den VL-Arbeitgeberbetrag »mitnehmen« will ohne nachzudenken, kann es nutzen – aber der Fondssparplan ist fast immer besser.

🏠

Bausparvertrag – für Immobilieninteressierte

Sinnvoll, wenn Sie in 7–12 Jahren eine Immobilie kaufen oder renovieren wollen. Das gesicherte Darlehen zu historisch günstigen Konditionen kann in einem Hochzinsumfeld sehr wertvoll sein. Einkommensgrenze für Wohnungsbauprämie beachten (17.900 € zvE ledig).

📈

ETF-Fondssparplan – für langfristig Orientierende

Die beste Wahl für die meisten Arbeitnehmer: staatliche Förderung (20 %) oben drauf, Arbeitgeberbeitrag als kostenloses Geld, und historisch die höchste Rendite. Einkommensgrenze 2024: 40.000 € zvE (ledig). Einschränkung: Schwankungen durch Marktrisiko; nicht geeignet für Kapital, das in < 7 Jahren gebraucht wird.

Praxis-Tipp: Kombination aus bAV und VL

Nutzen Sie beide Instrumente: die bAV für steuer- und SV-freie Entgeltumwandlung (Steuervorteil schon beim Einzahlen) + den VL-ETF-Fondssparplan mit staatlicher Prämie. Gemeinsam können Sie so 100–200 € monatlichen Vermögensaufbau mit mehrfacher staatlicher Förderung kombinieren.

Finanzbildung · Praxishandbuch | Keine AnlageberatungKapitel 7

Kapitel 08

Immobilien­investment:
Chancen & Risiken

Immobilien gelten als sichere Kapitalanlage – aber nur, wenn man sie mit dem richtigen Handwerkszeug beurteilt. Dieses Kapitel zeigt, wie Sie lohnenswerte Objekte erkennen, welche Steuervorteile Sie nutzen können und wie der Leverage-Effekt Ihre Eigenkapitalrendite vervielfachen kann.

⚠️

Keine Anlage-, Steuer- oder Rechtsberatung. Immobilieninvestments sind komplex und individuell. Ziehen Sie Steuerberater, Gutachter und ggf. Rechtsanwälte hinzu.

8.1 Vorteile des Immobilieninvestments

  • Sachwert & Inflationsschutz: Immobilien sind reale Werte, deren Kaufpreis und Mieten langfristig mit der Inflation steigen.
  • Passives Einkommen: Mieteinnahmen fließen regelmäßig, auch ohne aktive Arbeit.
  • Leverage-Effekt: Fremdkapital hebelt die Eigenkapitalrendite (siehe 8.6).
  • Steuervorteile: AfA, Werbungskosten, steuerfreier Verkauf nach 10 Jahren.
  • Kreditfinanzierter Vermögensaufbau: Die Mieter finanzieren Ihre Tilgung mit.
  • Altersvorsorge: Mietfreies Wohnen im Alter oder laufende Mieteinnahmen.

8.2 Nachteile & Risiken

Diese Risiken müssen Sie kennen

  • Hoher Kapitalbedarf: In der Regel 20–30 % Eigenkapital nötig plus Kaufnebenkosten (7–15 %).
  • Illiquidität: Eine Immobilie können Sie nicht in 5 Minuten verkaufen wie einen ETF.
  • Klumpenrisiko: Ein Objekt = alles auf eine Karte. Ein Brandschaden, ein Problemmieter, eine schlechte Lage kann alles ruinieren.
  • Managementaufwand: Mietersuche, Reparaturen, Nebenkostenabrechnungen, Streitigkeiten.
  • Mietausfallrisiko: Zahlungsunfähige Mieter können monatelang kaum rausgesetzt werden.
  • Regulatorisches Risiko: Mietpreisbremse, Modernisierungsmieterhöhungs-Beschränkungen, potenzielle Enteignungsdebatten.
  • Zinsrisiko: Bei Anschlussfinanzierung in einem höheren Zinsumfeld kann die Rechnung nicht mehr aufgehen.

8.3 Der Kaufprozess in 10 Schritten

1

Eigenkapital aufbauen

Mindestens 20 % des Kaufpreises, besser 30 %. Zusätzlich: Kaufnebenkosten vollständig aus Eigenkapital (Grunderwerbsteuer, Notar, Makler). Diese ~10 % rechnen Banken oft nicht mit.

2

Finanzierungsrahmen klären

Haushaltsrechnung: Einnahmen minus Ausgaben = verfügbare Rate. Faustregel: Kreditrate max. 30–35 % des Nettoeinkommens. Vorfinanzierungsangebote (Konditionenanfragen, keine Schufa-wirksamen Anfragen!) einholen.

3

Marktanalyse: Makro- und Mikrolage

Makro: Bevölkerungswachstum, Wirtschaftskraft der Stadt. Mikro: ÖPNV-Anbindung, Schulen, Einkauf, Lärm, Sozialstruktur des Viertels. Die Lage bestimmt langfristig Wert und Vermietbarkeit.

4

Objekte suchen & besichtigen

Plattformen: Immoscout24, Immowelt, eBay Kleinanzeigen, Zwangsversteigerungen. Mehrfach besichtigen, auch ohne Makler. Wohnungsbesichtigung zu verschiedenen Tageszeiten.

5

Due Diligence (Unterlagen prüfen)

Grundbuchauszug (Schulden, Rechte), Teilungserklärung, letzte 3 WEG-Protokolle (Beschlüsse, Rücklagen, geplante Sanierungen), Energieausweis, Mietverträge, Betriebskostenabrechnungen.

6

Kaufpreis verhandeln

Mängel dokumentieren, Marktpreisvergleich (Gutachterausschuss, lokale Vergleichsobjekte) als Verhandlungsbasis nutzen. 5–10 % Rabatt sind in abgekühlten Märkten realistisch.

7

Notartermin & Kaufvertrag

Kaufvertrag mindestens 2 Wochen vor Notartermin anfordern und sorgfältig prüfen (ggf. Anwalt). Der Notar ist neutral, aber kein Interessenvertreter des Käufers.

8

Finanzierungsabschluss

Kreditvertrag unterzeichnen. Grundschuldbestellung beim Notar. Bank überweist Kaufpreis direkt an Verkäufer nach Grundschuldeintragung.

9

Übergabe & Vermietung

Übergabeprotokoll erstellen. Mieter sorgfältig auswählen: Selbstauskunft, Schufa-Auskunft, Gehaltsnachweis, Vorvermieterbescheinigung. Guter Mieter = halbe Miete.

10

Laufende Verwaltung & Steuererklärung

Anlage V in der Steuererklärung ausfüllen. Alle Ausgaben belegen und archivieren. Jährliche Nebenkostenabrechnung erstellen. Rücklagenkonzept für Instandhaltung.

8.4 Steuervorteile beim Immobilieninvestment

AfA – Absetzung für Abnutzung

Der Gebäudeanteil (nicht der Grundstücksanteil) der Immobilie kann steuerlich abgeschrieben werden. Typisch ist der Gebäudeanteil 70–80 % des Kaufpreises.

Gebäudetyp

AfA-Satz

Laufzeit

Rechtsbasis

Altbau (Baujahr vor 1925)

2,5 % p.a.

40 Jahre

§ 7 Abs. 4 EStG

Gebäude ab 1925

2,0 % p.a.

50 Jahre

§ 7 Abs. 4 EStG

Neubau ab 01.01.2023

3,0 % p.a.

33 Jahre

§ 7 Abs. 4 EStG (geändert)

Denkmalschutz (erste 8 Jahre)

9,0 % p.a.

8+4 Jahre

§ 7i EStG

Beispiel: AfA-Berechnung

Kaufpreis 300.000 €, Altbau (Baujahr 1975)

Grundstücksanteil: 20 % = 60.000 € (nicht abschreibbar)

Gebäudeanteil: 80 % = 240.000 €

AfA: 240.000 × 2 % = 4.800 € jährlich

Bei Grenzsteuersatz 35 %: Steuerersparnis = 4.800 × 35 % = 1.680 €/Jahr

Werbungskosten

Folgende Ausgaben sind als Werbungskosten vollständig von den Mieteinnahmen absetzbar:

  • Hypothekenzinsen (nicht Tilgung!): der größte Posten in den ersten Jahren
  • Hausverwaltungskosten und Verwalterhonorar
  • Instandhaltung und Reparaturen (bis 15 % des Gebäudewerts in 3 Jahren = sofort, sonst über Jahre verteilt)
  • Versicherungsprämien (Gebäude, Haftpflicht)
  • Grundsteuer (soweit nicht auf Mieter umgelegt)
  • Fahrtkosten zum Objekt (0,30 €/km)
  • Steuerberatungskosten für die Immobilie
  • Kosten für Mietrechtsberatung
  • Leerstandszeiten (trotzdem laufende Kosten absetzbar)

Die 10-Jahres-Frist (Spekulationsfrist)

Eines der größten Steuervorteile bei Immobilien: Wer eine vermietete Immobilie länger als 10 Jahre hält und dann verkauft, zahlt auf den Verkaufsgewinn keine Einkommensteuer (§ 23 EStG, »Spekulationsfrist«). Bei einem Verkaufsgewinn von 100.000 € und Spitzensteuersatz 45 % spart das 45.000 € Steuern.

Ausnahme: Selbstgenutztes Eigentum

Eine selbst genutzte Immobilie kann bereits nach 2 Jahren steuerfrei verkauft werden – wenn sie im Verkaufsjahr und den beiden vorherigen Jahren selbst bewohnt wurde. Das ist ein erheblicher Steuervorteil für Eigennutzer.

Negative Einkünfte aus Vermietung

In den ersten Jahren übersteigen oft die Werbungskosten (inkl. hohe Zinsen und AfA) die Mieteinnahmen. Diese negativen Einkünfte aus Vermietung und Verpachtung können direkt mit dem Arbeitseinkommen verrechnet werden und senken die Steuerlast sofort – ein indirekter Steuersubventionseffekt für Vermieter.

8.5 Lohnenswerte Immobilien erkennen – Berechnungsschlüssel

Kennzahl 1: Kaufpreis-Miet-Faktor (KMF)

Kaufpreis-Miet-Faktor

KMF = Kaufpreis ÷ Jahreskaltmiete

Beispiel: Kaufpreis 240.000 €, Jahreskaltmiete 9.600 €
KMF = 240.000 ÷ 9.600 = 25

KMF < 20: Sehr gut (in Großstädten kaum zu finden)

KMF 20–25: Gut

KMF 25–30: Akzeptabel, sorgfältig prüfen

KMF > 30: Teuer, schwer rentabel

Kennzahl 2: Bruttomietrendite

Bruttomietrendite

Bruttomietrendite (%) = (Jahreskaltmiete ÷ Kaufpreis) × 100

Beispiel: Jahreskaltmiete 9.600 € ÷ Kaufpreis 240.000 € × 100 = 4,0 %
Hinweis: 1 ÷ KMF × 100 = Bruttomietrendite

> 5 %: Sehr gut

4–5 %: Gut

3–4 %: Grenzwertig

< 3 %: Schwer rentabel

Kennzahl 3: Nettomietrendite (realistischer)

Nettomietrendite

Nettomietrendite (%) = ((Jahreskaltmiete − Bewirtschaftungskosten) ÷ (Kaufpreis + Kaufnebenkosten)) × 100

Kaufpreis: 240.000 € | Kaufnebenkosten ~11 %: 26.400 € → Gesamtinvestition: 266.400 €
Jahreskaltmiete: 9.600 €
Bewirtschaftungskosten: ~2 €/m²/Monat × 70 m² × 12 = 1.680 €
(inkl. Verwaltung 300 €, Instandhaltungsrücklage 700 €, Leerstandsrisiko 5 % = 480 €, sonstiges 200 €)
Nettoertrag: 9.600 − 1.680 = 7.920 €
Nettomietrendite: 7.920 ÷ 266.400 × 100 = 2,97 %

Kaufnebenkosten – der unterschätzte Kostenfaktor

Grunderwerbsteuer: Je nach Bundesland 3,5 % (Bayern) bis 6,5 % (Brandenburg, Thüringen, NRW)
Notarkosten: ~1,5 % des Kaufpreises (Kaufvertrag + Grundschuldbestellung)
Maklercourtage: Bis zu 3,57 % (hälftig geteilt seit 2020 bei Privatkäufern)
Gesamtnebenkosten: 7–15 % je nach Bundesland und ob Makler beteiligt ist

Kennzahl 4: Monatlicher Cashflow

Cashflow-Berechnung

Monatlicher Cashflow = Mieteinnahmen − Kreditrate − Hausgeld (nicht umlagefähig) − Rücklagen

Kaltmiete: 800 €/Monat
Kreditrate (240.000 € @ 3,5 %, 25 Jahre): −1.198 €
Hausgeld (nicht umlagefähig, ~100 €): −100 €
Instandhaltungsrücklage: −60 €
Monatlicher Cashflow: 800 − 1.198 − 100 − 60 = −558 €/Monat (negativ)
→ Dieses Objekt muss monatlich zugeschossen werden. Es baut trotzdem Vermögen auf durch Tilgung und ggf. Wertsteigerung.

Ein negativer Cashflow bedeutet nicht automatisch, dass eine Immobilie unrentabel ist – wenn Tilgung + Wertsteigerung + Steuerersparnis den Zuschuss überwiegen. Aber: Kann ich mir den negativen Cashflow dauerhaft leisten, auch bei Leerstand?

Kennzahl 5: Eigenkapitalrendite

Eigenkapitalrendite

EK-Rendite (%) = (Jahresnettogewinn ÷ eingesetztes Eigenkapital) × 100

Jahresnettogewinn = Nettomieteinnahmen − Zinskosten (nicht Tilgung!)
Tilgung erhöht nur das Eigenkapital (keine Kosten, Vermögensumschichtung)

8.6 Der Leverage-Effekt (Hebelwirkung)

Der Leverage-Effekt ist der wichtigste Grund, warum Immobilien mit Fremdfinanzierung attraktiv sind: Mit einem kleinen Eigenkapitaleinsatz kontrolliert man einen großen Wert – und partizipiert an der vollen Rendite auf den Gesamtwert.

Ohne Hebel – 100 % Eigenkapital

Kaufpreis300.000 €

Eigenkapital300.000 €

Fremdkapital0 €

Mietrendite (brutto, 5 %)15.000 €/Jahr

Zinskosten (0 €)0 €

Wertsteigerung (2 %/Jahr)6.000 €

Gesamtgewinn21.000 €/Jahr

EK-Rendite gesamt7,0 %

Mit Hebel – 20 % Eigenkapital

Kaufpreis300.000 €

Eigenkapital60.000 €

Fremdkapital (@ 3,5 %)240.000 €

Mietrendite (brutto, 5 %)15.000 €/Jahr

Zinskosten (3,5 %)−8.400 €

Wertsteigerung (2 %/Jahr)6.000 €

Gesamtgewinn12.600 €/Jahr

EK-Rendite gesamt21,0 %

Mit Hebel erzielt dasselbe Investitionsobjekt eine dreimal höhere Eigenkapitalrendite (21 % vs. 7 %). Das Fremdkapital trägt dazu bei, obwohl es Kosten verursacht – solange die Mietrendite über dem Kreditzins liegt (positiver Leverage).

Wenn der Hebel in die andere Richtung wirkt

Negativer Leverage: Übersteigt der Kreditzins die Mietrendite (z.B. Zinsen 5 %, Mietrendite 4 %), verstärkt der Hebel Verluste statt Gewinne.

Wertverlust: Sinkt der Immobilienwert um 10 % (−30.000 €), verliert der Investor ohne Hebel 10 % seines EK. Mit 20 % EK verliert er 50 % (−30.000 von 60.000 €).

Anschlussfinanzierungsrisiko: Bei Ablauf der Zinsbindung könnte der Zinssatz deutlich höher sein. Kalkulieren Sie Szenarien mit 5–6 % Zinsen, auch wenn Sie heute 3 % zahlen.

Faustregel: Nutzen Sie den Hebel nie bei Objekten, die ohne Fremdfinanzierung schon kaum rentabel sind. Und halten Sie stets ausreichend Liquiditätsreserve für Leerstand und Sonderausgaben (min. 3 Monatsmieten).

Der positive Leverage – optimale Hebelbedingung

Bedingung für positiven Leverage

Nettomietrendite > Fremdkapitalzins → Positiver Leverage (Hebel wirkt vorteilhaft)

Nettomietrendite 4,5 % > Kreditzins 3,5 % → Positiv ✅
Nettomietrendite 3,0 % < Kreditzins 3,5 % → Negativ ❌ (Hebel verschlechtert EK-Rendite)

Finanzbildung · Praxishandbuch | Keine AnlageberatungKapitel 8

Kapitel 09

Bausparvertrag –
Mythos oder sinnvolles Instrument?

Der Bausparvertrag wird seit Jahrzehnten als sicheres Sparprodukt vermarktet. Die Realität: In der Ansparphase ist er ein Verlustgeschäft mit negativer Realrendite. Als Finanzierungsinstrument kann er unter bestimmten Bedingungen sinnvoll sein – aber selten so, wie Vermittler ihn verkaufen.

⚠️

Keine Anlageberatung. Alle Rechenbeispiele sind vereinfachte Modellrechnungen ohne Gewähr. Individuelle Beratung: Verbraucherzentrale oder unabhängiger Honorarberater.

9.1 Was ist ein Bausparvertrag?

Ein Bausparvertrag funktioniert in zwei Phasen: In der Ansparphase zahlen Sie monatlich einen festen Betrag in Ihren Bausparvertrag ein und erhalten dafür einen niedrigen Guthabenzins (heute 0,1–1,0 % p.a.). Sobald Sie die vereinbarte Mindestansparquote (meist 40–50 % der Bausparsumme) erreicht haben, wird der Vertrag zur Zuteilung freigegeben.

In der Darlehensphase erhalten Sie das angesparte Kapital zurück und zusätzlich ein Bauspardarlehen zu einem vorab festgelegten günstigen Zinssatz (typisch 1,0–3,5 %). Das Gesamtdarlehen ergibt sich aus Ansparbetrag plus Bauspardarlehen, zusammen maximal die vereinbarte Bausparsumme.

1

Ansparphase

Monatliche Einzahlungen + Guthabenzins (0,1–1,0 % p.a.). Abschlussgebühr: meist 1 % der Bausparsumme. Kontogebühr: ca. 12–24 €/Jahr. Laufzeit: 5–12 Jahre typisch.

2

Zuteilungsreife

Nach Erreichen von 40–50 % Mindestansparung und Bewertungszahl. Zeitpunkt nicht exakt planbar – kann deutlich länger dauern als erwartet.

3

Darlehensphase

Auszahlung Guthaben + Bauspardarlehen. Zinssatz: vorab festgelegt (heute 1,0–3,5 %). Tilgung läuft parallel. Verwendung: ausschließlich für wohnwirtschaftliche Zwecke.

9.2 Warum die Ansparphase ein Verlustgeschäft ist

Auf dem Papier erscheint der Bausparvertrag solide: Sie erhalten einen garantierten Zins auf Ihre Einlagen. In der Realität vernichtet er Kaufkraft systematisch – aus drei Gründen.

Kostenfaktor

Betrag / Wirkung

Effekt auf 10.000 € Einlage

Guthabenzins

0,1–1,0 % p.a.

+100 € bis +1.000 €/Jahr

Abschlussgebühr (1 %)

einmalig bei Abschluss

−100 € sofort

Kontoführungsgebühr

12–24 €/Jahr

−120 € bis −240 € (10 Jahre)

Inflation (2,5 % p.a.)

Kaufkraftverlust

−2.500 €/Jahr Kaufkraft

Realrendite (netto)

oft −1,5 % bis −2,5 % p.a.

negativ

⚠ Vergleich: 200 €/Monat über 8 Jahre

Bausparvertrag (0,5 % Zins, nach Gebühren): Einzahlungen 19.200 € → Guthaben ca. 19.500 € nominell → reale Kaufkraft bei 2,5 % Inflation: ca. 16.100 € (Kaufkraftverlust ~3.100 €).

MSCI World ETF-Sparplan (7 % p.a. Bruttorendite): Einzahlungen 19.200 € → Depotwert nach 8 Jahren: ca. 25.600 € → Überschuss gegenüber Bausparvertrag: ca. +9.500 € brutto.

Vereinfachte Modellrechnung. ETF-Renditen nicht garantiert; historische Durchschnittswerte MSCI World (1979–2024). Steuern nicht berücksichtigt.

9.3 Für wen macht ein Bausparvertrag Sinn?

Der Bausparvertrag ist kein Sparprodukt – er ist ein Finanzierungsinstrument. Als solches kann er unter sehr spezifischen Bedingungen sinnvoll sein:

✔ Sinnvoll

  • Zinssicherung in Niedrigzinsphasen (Darlehen zu vorab festgelegtem Niedrigzins sichern)
  • Geplante Immobilienfinanzierung in 5–10 Jahren mit bekanntem Kapitalbedarf
  • VL-Bausparvertrag: wenn Arbeitgeber VL zahlt + Wohnungsbauprämie (Einkommensgrenzen beachten)
  • Anschlussfinanzierung: laufenden Kredit durch günstiges BSV-Darlehen ablösen

✖ Nicht sinnvoll

  • Als allgemeines Sparprodukt oder Altersvorsorge
  • Wenn keine Immobilienfinanzierung geplant ist
  • In Hochzinsphasen (BSV-Darlehenszins oft unattraktiv gegenüber Markt)
  • Wenn Flexibilität benötigt wird (Kündigung nur mit Verlust möglich)
  • Als Sparprodukt für Kinder (ETF-Sparplan fast immer überlegen)

VL-Bausparvertrag: Nur bedingt sinnvoll

Die staatliche Wohnungsbauprämie beträgt 10 % auf max. 700 € (Singles) bzw. 1.400 € (Paare) = max. 140 € p.a. Das entspricht einer staatlichen Förderung von 70–140 €/Jahr. Einkommensgrenzen: zu versteuerndes Einkommen max. 35.000 € (Single) / 70.000 € (Paar). Für höhere Einkommen entfällt die Prämie – dann ist ein Fondsparplan für VL fast immer die bessere Wahl.

9.4 Die drei Finanzierungsmodelle im Vergleich

Um den Bausparvertrag als Finanzierungsinstrument fair zu bewerten, vergleichen wir drei Modelle für denselben Finanzierungsbedarf. Annahmen: Finanzierungsbedarf 200.000 €, Laufzeit 20 Jahre, Annuitätenzins 3,5 %, Bauspardarlehen 3,0 %, tilgungsfreier Kredit 3,8 %, ETF-Rendite 7 % p.a. Alle Zahlen vereinfachte Modellrechnungen.

Modell A

Klassischer Bausparvertrag (Ansparphase + Bauspardarlehen)

Phase 1 – Ansparphase (8 Jahre): Monatliche BSV-Einzahlung 700 €. Nach 8 Jahren angespartes Guthaben (0,5 % Zins, abzgl. Gebühren): ca. 64.500 €. Restfinanzierungsbedarf: 135.500 €.

Phase 2 – Bauspardarlehen (12 Jahre): 135.500 € zu 3,0 % → monatliche Tilgungsrate ca. 1.050 €.

Gesamte Zahlungen: 700 × 96 + 1.050 × 144 = 67.200 + 151.200 = ~218.400 € (ohne Vorfinanzierungskosten, die in der Praxis anfallen, wenn Sie das Haus sofort kaufen).

Modell B

Tilgungsfreier Kredit + ETF-Sparplan als Tilgungsersatz

Laufende Zinsbelastung: 200.000 € × 3,8 % / 12 = 633 €/Monat (nur Zinsen, keine Tilgung).

ETF-Sparplan parallel: 800 €/Monat in MSCI World (7 % p.a. angenommen).

Gesamte monatliche Belastung: 633 + 800 = 1.433 €.

ETF-Depotwert nach 20 Jahren (brutto): ca. 419.000 €. Nach ca. 25 % Abgeltungssteuer auf Kursgewinne: ca. 362.000 € netto. Kredit tilgen: −200.000 €. Nettoüberschuss: ca. 162.000 €.

Modell C

Normales Annuitätendarlehen (klassischer Immobilienkredit)

Monatliche Rate: 200.000 € bei 3,5 %, 20 Jahre = ca. 1.159 €/Monat.

Gesamtzahlungen: 1.159 × 240 = ca. 278.200 €. Zinskosten gesamt: ca. 78.200 €.

Nach 20 Jahren vollständig entschuldet. Endvermögen: 0 € zusätzlich (nur Immobilienwert). Einfachstes Modell mit gut kalkulierbaren Kosten.

Kennzahl

Modell A: Bausparvertrag

Modell B: Tilgungsfrei + ETF

Modell C: Annuitätendarlehen

Monatliche Rate (Ø)

700 € / 1.050 €*

1.433 €

1.159 €

Gesamte Zahlungen (20 J.)

~218.400 €**

~343.900 €

~278.200 €

Zinskosten / Kosten gesamt

~18.400 € + Gebühren

~151.900 € Zinsen

~78.200 €

Endvermögen (Depot)

0 €

~162.000 € Nettoüberschuss

0 €

Restschuld nach 20 Jahren

0 €

0 € (Kredit aus Depot getilgt)

0 €

Risiko

Niedrig (Zins gesichert)

Hoch (ETF-Rendite unsicher)

Niedrig (fix)

* Phase 1: 700 €, Phase 2: 1.050 € | ** Ohne Vorfinanzierungskosten in Ansparphase | Vereinfachte Modellrechnungen ohne Steuern (außer Modell B) und ohne Gewähr.

9.5 Angesparte ETF-Summe als Sicherheit für den Immobilienkredit

Ein wenig bekannter Vorteil eines ETF-Depots bei der Immobilienfinanzierung: Viele Banken akzeptieren ein Wertpapierdepot als Zusatzsicherheit. Das kann Ihren Beleihungsauslauf verbessern und damit einen günstigeren Zinssatz ermöglichen.

Wie Banken Depots als Sicherheit bewerten

Beleihungswert Depot = Depotwert × Besicherungsquote (meist 50–70 %)

Beispiel: Sie haben ein ETF-Depot im Wert von 80.000 €. Die Bank rechnet 60 % an = 48.000 € anrechenbarer Sicherheitenwert. Bei einem Kaufpreis von 300.000 € verbessert sich Ihr Eigenkapitalanteil effektiv um ~16 %. Das kann den Zinssatz um 0,2–0,5 % senken – über 20 Jahre mehrere tausend Euro Ersparnis.

Voraussetzungen: Gut diversifiziertes Depot (z. B. MSCI World ETF), kein Klumpenrisiko, Depot bei oder verpfändet an die finanzierende Bank. Nicht alle Banken akzeptieren Depots als Sicherheit – vorher anfragen.

Strategie: Erst ETF-Depot aufbauen, dann Haus kaufen

Wer 5–10 Jahre vor dem geplanten Immobilienkauf konsequent in ETFs spart, hat mehrfache Vorteile: höhere Rendite in der Ansparphase, potenziell niedrigerer Kreditzins durch Depot-Sicherheit und größere Flexibilität. Im Gegensatz zum Bausparvertrag ist das Kapital jederzeit verfügbar.

9.6 ETF-Depot als Tilgungsersatz (Tilgungsaussetzungsdarlehen)

Das Tilgungsaussetzungsdarlehen ist das direkteste Konkurrenzmodell zum Annuitätendarlehen: Sie zahlen monatlich nur die Zinsen auf Ihren Kredit und legen die Tilgungssumme stattdessen in einem ETF-Sparplan an. Am Ende tilgen Sie den Kredit auf einen Schlag aus dem Depot.

Rechenbeispiel: Tilgungsaussetzung mit ETF-Sparplan

Kredit: 200.000 € | Zinssatz: 3,8 % | Laufzeit: 20 Jahre

Monatliche Zinsen (nur): 200.000 × 3,8 % / 12 = 633 €/Monat

ETF-Sparplan parallel: 800 €/Monat in breit diversifizierten ETF (MSCI World, Annahme 7 % p.a. Bruttorendite)

ETF-Depotwert nach 20 Jahren (brutto): ca. 419.000 €

Abgeltungssteuer auf Kursgewinn (Einzahlung 192.000 €, Gewinn ~227.000 €, Steuersatz ~25 %): ca. 56.800 € → Netto-Depot: ca. 362.200 €

Nach Kredittilgung (−200.000 €): Nettoüberschuss ca. 162.200 €

Die entscheidende Frage lautet: Ist die ETF-Nettorendite höher als der Kreditzins nach Steuern?

Wann lohnt es sich?

ETF-Bruttorendite7,0 % p.a.

Abzgl. Steuern (~25 %)−1,75 %

ETF-Nettorendite (ca.)~5,25 % p.a.

Effektivzins Kredit3,8 % p.a.

Hebelvorteil (netto)+1,45 % p.a.

Risiken beachten

ETF-Renditenicht garantiert

Schlechte BörsenjahreDepot reicht evtl. nicht

Zinsanstieg Krediterhöht Kostenseite

Disziplin nötigSparplan nie unterbrechen

Empfehlungnur mit Finanzpuffer

⚠ Leverage-Logik: Wann funktioniert das Modell?

Das Tilgungsaussetzungsmodell funktioniert nur, wenn die Nettorendite des ETF nach Steuern dauerhaft über dem Kreditzins liegt. Bei einem Kreditzins von 4,5 % und einer ETF-Nettorendite von 5,25 % ist der Puffer sehr dünn. In Rezessionsphasen oder bei langanhaltenden Börsenbaissen (z. B. 2000–2012 kumuliert nahe null) kann das Depot am Ende die Restschuld nicht decken. Nur geeignet für erfahrene Anleger mit ausreichendem Risikopuffer und langem Anlagehorizont.

9.7 Fazit: Bausparvertrag vs. ETF-Strategie vs. Annuitätendarlehen

Kriterium

Bausparvertrag

ETF-Strategie

Annuitätendarlehen

Rendite Ansparphase

Negativ real (−1,5 bis −2,5 %)

Positiv historisch (+5–7 % netto)

Entfällt

Zinssicherheit Darlehen

Hoch (vorab gesichert)

Gering (variabel/endfällig)

Hoch (Festzins)

Flexibilität

Gering (Bindung 5–12 J.)

Hoch (jederzeit verfügbar)

Mittel

Gesamtkosten (200 T. €, 20 J.)

~218.000 €*

~344.000 € (aber Überschuss)

~278.000 €

Endvermögen

0 €

~162.000 € Überschuss

0 €

Empfohlen für

Zinssicherung, VL-Pflicht

Vermögensaufbau + Eigenkapital

Standardfinanzierung

Risiko

Niedrig

Mittel bis hoch

Niedrig

* Vereinfachte Rechnung ohne Vorfinanzierungskosten. Alle Angaben Modellrechnungen. Keine individuelle Empfehlung.

✔ Kernbotschaft

Als Sparprodukt ist der Bausparvertrag nahezu immer unterlegen – die negative Realrendite in der Ansparphase ist strukturell. Als Finanzierungsinstrument kann er sinnvoll sein, wenn Sie in einer Niedrigzinsphase einen günstigen Bauspardarlehen-Zins sichern wollen oder eine Anschlussfinanzierung planen. Für den Vermögensaufbau vor dem Immobilienkauf ist ein breit diversifizierter ETF-Sparplan fast immer die überlegene Strategie – mit dem Zusatzbonus, das Depot später als Kreditsicherheit einzusetzen.

Finanzbildung · Praxishandbuch | Keine AnlageberatungKapitel 9

Kapitel 10

Versicherungen &
Absicherung

Deutsche sind überversichert und unterversichert zugleich: zu viele unnötige Policen, zu wenig Schutz gegen existenzbedrohende Risiken. Versichern Sie nur, was Sie finanziell nicht selbst tragen können.

⚠️

Keine Versicherungsberatung. Für individuelle Empfehlungen: zugelassene Versicherungsberater oder Verbraucherzentrale (nicht -vermittler).

10.1 Das Grundprinzip: Nur Katastrophen versichern

Versichern Sie nur, was Sie finanziell nicht selbst tragen können. Kleine, vorhersehbare Ausgaben (kaputtes Handy, kleine Autoschäden) versichert man nicht – das kostet mehr als es bringt. Existenzbedrohende Risiken müssen zwingend versichert sein.

Versicherung

Priorität

Warum?

Privathaftpflicht

🔴 Pflicht

Unbegrenzte Haftung. Schaden an Menschen kann Millionen kosten. Ab ~50 €/Jahr.

Berufsunfähigkeit (BU)

🔴 Sehr wichtig

Jeder 4. wird berufsunfähig vor Rente. Gesetzlicher Schutz minimal.

Krankenversicherung

🔴 Pflicht

Gesetzlich vorgeschrieben. GKV oder PKV je nach Situation.

Hausrat

🟡 Empfohlen

Einbruch, Feuer, Wasser. Besonders bei wertvollem Mobiliar.

Risikolebensversicherung

🟡 Bei Familie

Wenn andere von Ihrem Einkommen abhängen. Günstig, klarer Schutz.

Gebäudeversicherung

🔴 Bei Eigentum

Feuer, Sturm, Leitungswasser. Pflicht für Immobilieneigentümer.

Rechtsschutz

🟠 Situativ

Nur wenn Rechtsstreitigkeiten wahrscheinlich (Mieter, Arbeitskonflikte).

Reisekrankenversicherung

🟡 Für Reisende

Sehr günstig, kann im Ausland lebensrettend wichtig sein.

Handyversicherung

🟢 Selten sinnvoll

Prämien + Selbstbehalt machen die meisten unrentabel.

Häufige Versicherungsfallen

  • Kapitalbildende Lebensversicherungen als Altersvorsorge (hohe Kosten, niedrige Rendite)
  • Restschuldversicherungen bei Krediten (oft überteuert mit vielen Ausschlüssen)
  • Kinderpolicen als Sparprodukt (ETF-Sparplan ist fast immer besser)
  • BU ohne Prüfung der Bedingungen (»abstrakte Verweisung« unbedingt ausschließen!)
  • Privathaftpflicht mit zu niedriger Deckungssumme (mindestens 10–15 Mio. €)

Finanzbildung · Praxishandbuch | Keine AnlageberatungKapitel 10

Kapitel 11

Finanzfehler &
Mythen

Unser Gehirn ist nicht für rationale Finanzentscheidungen ausgelegt. Behavioral Finance zeigt, welche kognitiven Fallen uns immer wieder teuer zu stehen kommen – und wie wir sie umgehen.

⚠️

Kein Beratungsersatz. Allgemeinbildendes Wissen zu psychologischen Mustern.

11.1 Die häufigsten Finanz-Mythen

Mythos

Wahrheit

»Mieten ist Geldverschwendung.«

Abhängig von Kaufpreis-Miet-Verhältnis, Lage und Lebenssituation. In teuren Städten oft wirtschaftlicher zu mieten.

»Aktien sind zu riskant.«

Historisch hat kein 15-Jahres-Zeitraum im MSCI World mit Verlust geendet. Nicht-Investieren ist bei Inflation auch ein Risiko.

»Mit 50 ist es zu spät.«

15+ Jahre Anlagehorizont reichen. Oft höchstes Einkommen in dieser Lebensphase. Besser spät als nie.

»Gold ist die sichere Anlage.«

Schwankt stark, keine laufenden Erträge, historisch schlechtere Rendite als diversifiziertes Aktienportfolio.

»Ich warte auf den richtigen Zeitpunkt.«

Market Timing funktioniert statistisch nicht. Regelmäßiges Investieren (Cost Averaging) schlägt Timing in der Praxis.

»Ich brauche viel Kapital zum Starten.«

ETF-Sparpläne ab 25 €/Monat. Der Zinseszins braucht nur Zeit – und die vergeht sowieso.

11.2 Behavioral Finance: Die wichtigsten Biases

1

Verlust-Aversion

Verluste schmerzen ~2× so stark wie gleichwertige Gewinne erfreuen. Folge: Anleger halten Verlustpositionen zu lang und verkaufen Gewinne zu früh (Disposition-Effekt).

2

Herdenverhalten

Wenn alle kaufen, kauft man mit (Hochpunkt). Wenn alle verkaufen, verkauft man mit (Tiefpunkt). Das rationale Gegenteil ist emotional extrem schwer.

3

Gegenwartspräferenz

100 € heute > 110 € in einem Jahr – subjektiv viel stärker als rational. Erklärt, warum Altersvorsorge aufgeschoben wird.

4

Overconfidence (Selbstüberschätzung)

Aktives Trading schlägt nach Kosten und Steuern den Markt selten. Die meisten Anleger überschätzen ihre Fähigkeiten deutlich.

5

Confirmation Bias

Wir suchen Informationen, die unsere bestehende Meinung bestätigen. Gefährlich bei Einzelaktien-Investments und Immobilienbewertungen.

Schutz vor irrationalen Entscheidungen

  • Automatisieren: Dauerauftrag für Sparrate → keine emotionale Entscheidung nötig
  • Sparplan statt Einzelkäufe → reduziert Market-Timing-Versuchung
  • Depot nicht täglich checken – Langfristinvestoren brauchen keine tägliche Kontrolle
  • Investment Policy Statement schreiben: »Bei −30 % werde ich [nichts tun / nachkaufen].«
  • Finanzentscheidungen nie impulsiv – immer mit einer Nacht Abstand

11.3 Ihre persönliche Finanz-Checkliste

  • Ich kenne mein monatliches Nettoeinkommen und meine Hauptausgaben.
  • Ich habe einen Notgroschen von mindestens 3 Monatsgehältern aufgebaut.
  • Ich habe keine hochverzinsten Konsumschulden (Kreditkarte, Überziehung).
  • Ich spare mindestens 10–20 % meines Einkommens regelmäßig.
  • Ich habe meinen Freistellungsauftrag beim Broker eingerichtet (1.000 €).
  • Ich habe eine Privathaftpflicht mit mindestens 10 Mio. € Deckung.
  • Ich habe meine Berufsunfähigkeit geprüft und ggf. abgesichert.
  • Ich nutze die bAV meines Arbeitgebers (inkl. Arbeitgeberzuschuss).
  • Ich habe geprüft, ob ich VL-Ansprüche beim Arbeitgeber habe.
  • Ich kenne mein Risikoprofil (aus Kapitel 5) und investiere entsprechend.
  • Ich kenne meine jährliche Renteninformation und habe meine Rentenlücke berechnet.
  • Ich überprüfe meine Finanzsituation mindestens einmal pro Jahr.

Finanzbildung · Praxishandbuch | Keine AnlageberatungKapitel 11

Nachschlagen

Glossar

Abgeltungssteuer

Pauschale Steuer von 25 % auf Kapitalerträge (Zinsen, Dividenden, Kursgewinne) + 5,5 % Soli. Gilt seit 2009. Sparerpauschbetrag 1.000 €/Jahr (2.000 € verheiratet) steuerfrei.

AfA (Absetzung für Abnutzung)

Steuerliche Abschreibung des Gebäudeanteils einer Immobilie. 2 % p.a. bei Gebäuden ab 1925, 3 % p.a. bei Neubauten ab 2023. Senkt das zu versteuernde Einkommen.

Arbeitnehmer-Sparzulage (ASpZ)

Staatliche Prämie auf Vermögenswirksame Leistungen. 20 % auf max. 400 € bei Fondssparplänen (Einkommensgrenze 40.000 € zvE ledig/80.000 € verheiratet, Stand 2024).

Behavioral Finance

Forschungsfeld zu psychologischen Einflussfaktoren auf Finanzentscheidungen. Nobelpreis 2002 (Kahneman). Erklärt, warum Menschen systematisch irrational entscheiden.

Cost-Averaging-Effekt

Bei gleichbleibenden monatlichen Beträgen kauft man bei hohen Kursen weniger, bei niedrigen Kursen mehr Anteile. Führt langfristig zu einem günstigen Durchschnittspreis.

Diversifikation

Streuung von Investitionen über verschiedene Anlageklassen, Länder und Branchen, um das Gesamtrisiko zu senken ohne proportional auf Rendite zu verzichten.

ETF (Exchange Traded Fund)

Börsengehandelter Indexfonds, der einen Marktindex passiv nachbildet. Geringe Kosten (TER), hohe Transparenz, breite Streuung. UCITS-ETFs in Europa gesetzlich reguliert.

Generationenkapital (Aktienrente)

Staatlicher Kapitalfonds (Rentenpaket II, 2024): Bund nimmt Schulden auf, investiert in Kapitalanlagen, ab ~2036 Ausschüttungen an die gesetzliche Rentenversicherung. Zielvolumen 200 Mrd. € bis 2035.

KMF (Kaufpreis-Miet-Faktor)

Kaufpreis geteilt durch die Jahreskaltmiete. Zeigt, in wie vielen Jahren die Immobilie durch Mieteinnahmen »bezahlt« wäre. KMF < 20 = sehr gut; > 30 = schwer rentabel.

Leverage-Effekt

Einsatz von Fremdkapital zur Steigerung der Eigenkapitalrendite. Funktioniert positiv, wenn die Anlagerendite den Kreditzins übersteigt. Vergrößert aber auch Verluste.

Nachgelagerte Besteuerung

Prinzip der gesetzlichen Rente seit 2005: Beiträge werden steuerlich gefördert, Rentenleistungen später versteuert. Besteuerungsanteil steigt jährlich bis 100 % (ab Eintrittsjahr 2058).

Nettomietrendite

Mieteinnahmen minus Bewirtschaftungskosten, geteilt durch Gesamtinvestition (Kaufpreis + Nebenkosten) × 100. Realistischer als Bruttomietrendite. > 4 % = sehr gut.

Rentenlücke

Differenz zwischen gewünschtem Einkommen im Rentenalter und der erwarteten gesetzlichen Rente. Muss durch Säule II (bAV) und Säule III (privat) geschlossen werden.

SRRI (Synthetic Risk and Reward Indicator)

Risikoindikator 1–7 auf dem KID-Dokument jedes UCITS-ETFs. Basiert auf historischer 5-Jahres-Volatilität. 1 = sehr niedrig, 7 = sehr hoch. Kann sich ändern.

Teilfreistellung

Steuerliche Begünstigung von Aktien-ETFs: 30 % der Erträge sind steuerfrei, 70 % werden besteuert. Effektiver Steuersatz sinkt von 26,375 % auf ~18,46 %.

VL (Vermögenswirksame Leistungen)

Staatlich gefördertes Sparen. Arbeitgeber zahlt bis zu 40 €/Monat zusätzlich in ein Anlageprodukt. Staatliche Prämien (Arbeitnehmer-Sparzulage) für Geringverdiener.

Vorabpauschale

Jährliche Steuer auf thesaurierende ETFs (seit 2018). Verhindert, dass die Steuer bis zum Verkauf aufgeschoben wird. Berechnung: ETF-Wert × Basiszins × 0,7, dann Teilfreistellung.

Zinseszins

Erzielte Renditen werden reinvestiert und erwirtschaften selbst Rendite. Führt bei langem Zeithorizont zu exponentiellem Wachstum. Die mächtigste Kraft im Vermögensaufbau.

Weiterführend

Literatur & Quellen

Bücher – Pflichtlektüre

Housel, Morgan (2020): The Psychology of Money

Das wichtigste Buch über die psychologischen Aspekte des Geldumgangs. Zugänglich, klug, praxisnah. Kein Finanzstudium nötig.

Swoboda, Gerd (2023): Souverän investieren mit Indexfonds & ETFs

Deutschsprachiges Standardwerk für ETF-Investoren. Wissenschaftlich fundiert, sehr detailliert. Für Fortgeschrittene.

Collins, JL (2016): The Simple Path to Wealth

Einfache ETF-Anlagestrategie für Einsteiger, erklärt als Brief an die eigene Tochter.

Kahneman, Daniel (2011): Thinking, Fast and Slow

Grundlagenwerk zur kognitiven Psychologie und Entscheidungsforschung. Nobelpreis 2002.

Gunter, Jörg (2021): Immobilien als Kapitalanlage

Deutschsprachiger Einstieg ins Immobilieninvestment. Kaufprozess, Steuer, Renditeberechnung praxisnah erklärt.

Kostenlose, unabhängige Quellen (empfohlen)

Finanztip (finanztip.de)

Gemeinnützige Verbraucherplattform. Unabhängig, empfehlungsbasiert, auf Deutsch verständlich. Zu allen Themen dieses E-Books hervorragende Artikel.

Verbraucherzentrale (verbraucherzentrale.de)

Unabhängige Beratung zu Versicherungen, Krediten, Altersvorsorge, Immobilien. Ohne Verkaufsinteresse.

Deutsche Rentenversicherung (drv.de)

Offizielle Quelle für Renteninformationen. Rentenkontoauszug anfordern, Beratungsstellen nutzen.

BaFin (bafin.de)

Prüfen Sie, ob Finanzdienstleister zugelassen sind, bevor Sie ihnen Geld anvertrauen.

Gutachterausschuss (lokal)

Offizielle Immobilienpreisspiegel für Ihre Region. Kostenlos oder günstig. Bestes Instrument für Kaufpreis-Marktvergleiche.

⚠ Abschließender Rechtlicher Hinweis

Dieses E-Book stellt ausdrücklich keine Anlageberatung, Vermögensberatung, Steuerberatung oder individuelle Finanzberatung dar. Alle Inhalte dienen der allgemeinen Finanzbildung. Jede Investitionsentscheidung liegt in der alleinigen Verantwortung der handelnden Person.

Historische Renditen sind kein verlässlicher Indikator für die Zukunft. Wertpapier- und Immobilienanlagen können zu Verlusten führen, einschließlich des vollständigen Kapitalverlusts.

Individuelle Beratung: Verbraucherzentrale · BFP-Honorar-Finanzberater · Steuerberater · Deutsche Rentenversicherung · BaFin-zugelassene Institute.

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